Extreme Härte


Eine Vogelbeobachtungstour in die Extremadura

Abb. 1
Der klügste Plan ist es sicherlich nicht, Ende Juni in die Extremadura aufzubrechen. Zumal zum Vögel beobachten, denn Temperaturen von bis zu 38 Grad im Schatten behagen weder einem Mitteleuropäer, der eine eher kühle Mittelgebirgslandschaft seine Heimat nennt, noch den von ihm anvisierten Zielobjekten, denn Trappen, Flughühner und Kaiseradler halten sich - wie wir Menschen - in solch einer Gluthitze lieber im Schatten, und damit in Deckung auf. Nichtsdestotrotz nahm ich vor ca. drei Wochen die Strapazen eines verlängerten Wochenendtrips in die Region der extremen Härte bzw. harten Extreme auf mich, mietete einen Kleinwagen und fuhr zweieinhalb Stunden von Madrid aus Richtung Südwesten, um im Ort Villareal de San Carlos - inmitten des Nationalparks Monfrague gelegen - für drei Tage mein Quartier aufzuschlagen.



In der Tat, die Hitze war recht überwältigend, und in den Nachmittagsstunden kletterte das Thermometer regelmäßig auf Werte zwischen 36 und 39 Grad - gottlob hatte mein Mietcorsa eine recht effektive Klimaanlage, ebenso wie mein Zimmer, welches ich im "Casa Rural El Cabrerin" bezogen hatte. Doch auch wenn die Monate Juni bis August sicher nicht die besten Zeiten für Vogeltouren sind, bot sich mir in den drei Tagen ein sehr nettes Spektrum des ansässigen ornithologischen Reichtums, so dass ich am Ende mit einer 69 Arten umfassenden Liste und darunter 10 Lifern (so nennen die birder jene Arten, die sie zum ersten Mal überhaupt gesehen haben) nach Madrid zurückkehren konnte.

Dehesas: Blauelster und Bläuling

Das prägende Landschaftselement des Parks Monfrague sind die ausgedehnten Kork- und Steineichenwälder, die sogenannten dehesas. Dicht wie einen mitteleuropäischen Laubwald darf man sich diese jedoch nicht vorstellen, sondern eher wie Streuobstwiesen von ungeheurer Fläche (vgl. Abb. 1). Zwischen den locker stehenden Bäumen findet eine recht artenreiche
Abb. 2
Vegetation, und auch wenn die Blütenpracht im April und im Mai wohl die
Abb. 3
prächtigste sein soll, bot sich auch mir ein ansehnlicher Strauß bunter Blumen, die denn auch von vielen Arten von Schmetterlingen, Haut- und Zweiflüglern besucht wurden. Besonders Bläulinge verschiedener Art ließen sich von mir auch bereitwillig fotografieren (Abb. 2), ebenso ein buntes Dipterenpärchen bei nicht ganz jugendfreier Aktivtät (Abb. 3). Als typische Vetreter der dehesa-Vogelwelt konnte ich unter anderem den überaus kommunen Rotkopfwürger, Grauammer, Bienenfresser, Wiedehopf, Blauelster (ein Endemit für die iberische Halbinsel), Schlangenadler, Schwarzkehlchen, sowie diverse Grasmückenarten (Orpheus-, Samtkopf- und Provencegrasmücke) beobachten.

Geierfelsen

Abb. 4
Abb. 5
Als besondere Touristenmagnete, vor allem natürlich für vogelkundlich Interessierte, fungieren die Felsen am Ufer des Tajo (Abb. 4), brüten auf ihnen doch große Kolonien von Gänsegeiern - einem der vier europäischen Geier-Arten. Und es ist auch schier überwältigend, wenn die Vögel, deren Schwingen bis zu 2,60 Meter Spannweite, so dicht über des Beobachters Kopf
Abb. 6
um die Felsen segeln, dass man das Flugrauschen hören kann. Doch nicht nur der Gänsegeier (Abb. 5) brütet in den Felsen am Tajo - auch der kleinere Schmutzgeier (Abb. 6), der Schwarzstorch, der Uhu (den ich mit viel Glück kurz vor der Dunkelheit den Felsen anfliegen sehen konnte), und an kleineren Vögeln u.a. die Blaumerle und die Felsenschwalbe nennen den Felsen ihre Heimstatt.

Rekordvogelüberflug

Eine der Arten, die man eigentlich gesehen haben muss, wenn man eine Vogelbeobachtungstour in die Extremadura unternimmt, ist der dritte Vertreter der hier ansässigen Geier, der unter den Vögeln Europas (gemeinsam mit dem Bartgeier) mit bis zu 2,85 Metern Spannweite der Rekordhalter diesbezüglich ist. Mit ca. 1.000 Paaren, die fast allesamt auf der iberischen Halbinsel brüten, und einem fortwährendem Bestandsrückgang ist er außerdem einer der in Europa stark bedrohten Vögel - der Mönchsgeier. Seinen Namen hat er sicherlich von der dunkelbraunen Kutte, an die sein Federkleid erinnert.
Abb. 7
Nach zwei erfolglosen Tagen konnte ich dann am dritten Tag meines Trips gleich zwei Mal diesen wirklich beeindruckenden Vogel sowohl mit meiner Augen- als auch mit der Kameralinse ablichten. Abends hoch über dem Ufer des Tajo die Rothirsche beim Trinken beobachtend und den Orpheusgrasmücken lauschend hatte ich das große Glück, dass sich einer der riesigen Kameraden entschied, geradewegs über meinen Aussichtspunkt, und somit über mein Teleobjektiv hinwegzusegeln, was ich natürlich ausgiebig fotografisch nutzte (Abb. 7).

Steppe und Städte

Wenn man vom Monfrague-Park in Richtung des Städtchens Trujillo und von dort aus nach Caceres fährt, lernt man den anderen für die Extremadura typischen Landschaftstyp kennen: Ausgedehnte Steppenlandschaften. Auf riesigen Flächen werden hier u.a. Getreide gehalten oder Rinder angebaut, und solange die landwirtschaftliche Bewirtschaftung in chemischer oder mechanischer Hinsicht nicht zu intensiv abläuft, bieten die weiten Steppen Lebensraum für zahlreiche Vögel. Doch wie bereits eingangs erwähnt war es mir nicht vergönnt, einige der typischsten Arten zu sehen (vermutlich vorwiegend auf Grund der widrigen, jahreszeitlich bedingten klimatischen Verhältnisse): Weder Sand-, noch Spießflughuhn, weder Zwerg- noch Großtrappe hatten Lust, mir vors Fernglas zu fliegen bzw. laufen. Andere Arten dagegen, über
Abb. 8
die ich mich doch auch freute, zeigten sich bereitwillig, u.a. Triel, Häherkuckuck, Steinkauz (der offenbar gewisse Sympathien für Traktorentechnik hegt, vgl. Abb. 8), Blauracke, Zwergadler, Wiesenweihe, Thekla- und Kalanderlerche, Weidensperling und viele, viele schwatzhafte Rothühner. Und auch in städtischer Umgebung sind Momente möglich, die trotz der Backofenathmosphäre in verwinkelten Gassen und alten Gemäuern das Ornithologenherz höher schlagen lassen können: Zum einen sind da die Störche zu nennen,
Abb. 9
die in den Ortszentren beinah jedes Haus- und Kirchendach zu Horstplätzen machen (Abb. 9). Zum zweiten ist es mit ein bisschen Übung ein Leichtes, in Caceres neben den (auch bei uns häufigen) Turmfalken die Rötelfalken zu betrachten, die zu den in ihrem Bestand gefährdeten Arten gehören. Und zum dritten ist es mit einer Portion Geduld und sehr genauem Hinschauen möglich, aus den Massen von Mauerseglern ein paar der etwas helleren Fahlsegler herauszufriemeln.

Fazit: Positiv, trotz Fehlens von EM-Titel und Kaiseradler

Einen unterhaltsamen, wenn auch nicht von Erfolg gekrönten, letzten Abend verbrachte ich in der kleinen Kneipe des winzigen Kaffs Villareal (welches auch das kleine Nationalpark-Zentrum beherbergt), wo ich inmitten vieler gespannter Spanier nicht minder gespannt das Finale der Fußball-Europameisterschaft zwischen Deutschland und Spanien ansah. Dass es nicht von Erfolg gekrönt war, zumindest nicht aus deutscher Sicht, werde ich sicher niemandem der geschätzten Leserinnen und Leser ausführlicher schildern müssen. Doch auch wenn ich auch den Spanischen Kaiseradler - eine der "Top-Arten" der Extremadura, insbesondere des Nationalparks Monfrague, nicht finden konnte, so kann ich allen landschaftlich und ornithologisch Interessierten die Extremadura als Reiseziel nur wärmstens ans Herz legen.

Literaturhinweis: Nachdrücklichst zu empfehlen für alle naturinteressierten Extremadura-Besucher ist der Natur-Reiseführer "Extremadura - Naturreichtum durch Tradition" von Arndt Hampe (Naturerbeverlag Jürgen Rensch, Radolfzell 1993).

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