Irrfahrt ins Weihnachtsfest


Das Jahr geht zu Ende, die Weihnachtsfeiertage sind bewältigt, und der Vogelwart liegt mit einer wieder aufgeflammten Grippe im Bett. Das gibt ihm die Gelegenheit, der geschätzten Leserschaft Bericht zu erstatten über die Erlebnisse seiner Fahrt von der dänischen Hauptstadt ins westfälische Herford, in dessen Nähe die diesjährigen Festtäglichkeiten stattfinden sollten. Die Fahrt war veranschlagt für den 23.12., die Abfahrt Kopenhagen für 11:44, die Ankunft in Herford um 18:42 Uhr des selben Tages, die gesamte Fahrt also für etwa sieben Stunden. Wie sich die Fahrzeit mirnichts, dirnichts verdreifachte, davon möchte ich im Folgenden berichten.



Wer die vorweihnachtlichen Nachrichten in Funk und Fernsehen zum winterlichen Verkehrschaos auf Straße, Schiene und in der Luft verfolgt hatte, war vorgewarnt: Begebe Dich nicht zum Bahnhof, ohne eine Internetrecherche zur Planmäßigkeit Deines Zuges. Folglich konsultierte ich die Webseite der Deutschen Bahn zur Pünktlichkeit meines ICE von Kopenhagen über Puttgarden/Fähre nach Hamburg, und das Ergebnis war (Zeitpunkt: 11:00) positiv, so dass ich mich mit Sack und Pack durch das Schneetreiben aufmachte zum Kopenhagener Hauptbahnhof. Dort angelangt war ich beinah überrascht, dass tatsächlich alles nach einer planmäßigen Abfahrt aussah. Ich bestieg also den Zug, fand meinen reservierten Platz, verstaute mein Gepäck und begann, der Abfahrt zu harren. Und um genau 11:44 kam dann auch eine Durchsage, doch leider nicht zur bevorstehenden Abfahrt, sondern die "unerfreuliche Information", dass der Zugverkehr zwischen Puttgarden und Hamburg komplett eingestellt ist aufgrund massiver Schneeverwehungen, eingefrorener Weichen und vielem anderen mehr. Die Passagiere mit dem Ziel Deutschland mögen doch bitte den Zug verlassen und auf weitere Informationen warten. Prostmahlzeit, denke ich mir, entstaue mein Gepäck, verpacke mich wieder in Mantel, Schal und Mütze und wuchte meinen Plunder auf den verschneiten Bahnsteig. Ja, nicht nur Straßen und Wege sind in Kopenhagen verschneit, sondern auch Bahnsteige, denn zahlreiche Risse und Spalten in der Dachverglasungskonstruktion erlauben einen stetigen Einflug von Schneekristallen. Letztlich kann man sich kaum dem Eindruck erwehren, die Fahrradwege draußen seien besser geräumt als die Zugsteige "drinnen".

Nun stand ich da und wusste nicht so recht, was tun. Doch gottlob ist die Strategie der dänischen Bahn in solchen Fällen der deutschen recht unähnlich, denn sogleich wurde eine Hundertschaft Informations-Servicekräfte bereitgestellt, die einem bereitwillig und freundlich (!) Auskunft gaben. Nachdem ich drei verschiedene Personen befragt und den Lautsprecherdurchsagen gelauscht hatte, verdichteten sich die Indizien, dass der klügste Plan ein Sonderzug nach Hamburg um 14:07 sei. Das gab mir bald zwei Stunden Zeit, so dass ich mich mit all meinem Gepäck wieder nach Hause begab, von wo ich die Verwandtschaft informierte und ich im Internet auf dem Laufenden blieb. (Inzwischen hatte sich die Nachricht der Lahmlegung des gesamten norddeutschen Zugverkehrs sogar bis zum DB-Webseitenangebot herumgesprochen).

Um 14:00 stand ich also wieder parat am Bahnsteig, nachdem ich mir abermals durch das Info-Personal hatte bestätigen lassen, dass es sich tatsächlich um einen Sonderzug handelt, der mindestens bis Flensburg, vielleicht sogar bis Hamburg zu verkehren gedachte. Ich stieg also ein, machte es mir bequem, alles war bestens. Bis der Schaffner kam. Der zeigte sich recht überrascht, dass so viele Reisende mit dem Ziel Deutschland in seinem Regionalzug (!) nach Fredericia (!!) saßen. Von einem Ziel Flensburg oder gar Hamburg wusste er indes nichts. Doch, man könne aber bis Fredericia fahren und von dort in einen Zug nach Flensburg umsteigen. Diese, neue, Informationslage änderte sich jedoch abermals kurz vor Odense, welches auf der Insel Fünen quasi mittendrin zwischen Seeland und dem festländischen Jütland liegt. (Wem die Geografie unseres nördlichen Nachbarlandes so geläufig ist wie jene böhmischer Dörfer, der mag sich in einschlägigen Internetwerken etwa der Firma Google kundig machen.) Aus dem Lautsprecher vernahmen wir den Hinweis, dass der Zug zwar bis Fredericia verkehre, dass den Deutschlandfahrern jedoch empfohlen werde, in Odense auszusteigen und dort in den nächsten Zug nach Flensburg aufzusteigen, welcher in wenigen Minuten dort abfahren solle.

Auf den windigen Bahnsteigen von Odense zeigte jedoch zunächst keine Anzeige irgendwas von irgendeinem Zug nach Flensburg, also reihte ich mich in die schier unendliche Schlange im Reisezentrum ein, wo mir der freundliche Mitarbeiter zunächst seine Verwunderung darüber kundtat, dass alle mit dem Ziel Flensburg hier in Odense aus dem Zug gestiegen seien, denn in Fredericia gebe es doch bessere Verbindungen nach Deutschland. Hier verfestigte sich mein Eindruck, dass auch die dänische Bahn, obgleich überall mit zahlreichen Servicekräften ganz weit vorne an der Informationsfront, mit der Bewältigung der besonderen anderen Wetterumstände durchaus vollkommen überfordert war. Nun druckte mir der freundliche Mitarbeiter ein paar Blätter mit diversen Verbindungen nach Flensburg, Hamburg und gar Herford (Ankunft 4 Uhr irgendwas) aus, von denen ich allerdings gleich annahm, dass sie recht bald Makulatur werden würden. Um 16:50 Uhr sollte also dann doch eine Bahn nach Flensburg abfahren, so dass ich mich etwa fünf Minuten vorher auf den frostigen Bahnsteig begab, wo ich die im Zweiminutentakt aktualisierte Verspätungsanzeige aufmerksam zu verfolgen begann. Auf dem gegenüberliegenden Gleis stand indessen ein Zug mit dem Ziel Fredericia bereit. Meine Frage an einen der Kommunikationsmitarbeiter, was denn nun mit dem Zug nach Flensburg sei, ergab schließlich eine Überraschung: Ich solle doch lieber in den hier bereitstehenden Zug nach Fredericia steigen, um dort weiter gen Süden zu ziehen. Verdutzt ging ich ca. 15 Meter weiter den Bahnsteig hinab, um eine weitere Servicekraft zu konsultieren. Diese wiederum riet mir dringend davon ab, nach Fredericia zu fahren, stattdessen solle ich doch den Zug nach Flensburg nehmen, der in wenigen Minuten Einfahrt erhalten solle. Ich entgegnete mit dem höflichen Hinweis, dass doch wenigstens die Mitarbeiter auf ein und demselben Gleis sich ein wenig abstimmen sollten hinsichtlich ihrer Informationsstrategie. Daraufhin winkte sie ihren Kollegen herbei und es entspann sich in einer Runde von sechs orangegewandeten Info-Leuten eine hitzige Diskussion, was denn nun zu tun sei. Schließlich kam man überein, dass man die Zentrale befragen solle. Nach nur wenigen Minuten wurde das Mobiltelefonat beendet und man gab einigermaßen unisono die Auskunft, der Zug nach Flensburg komme gleich und der nach wie vor wartende nach Fredericia stehe nur deshalb noch da, weil die Toiletten defekt seien und die Passagiere die Bahnhofsklos nutzten.

Nun denn, schlappe 20 Minuten später, es ging auf halb sechs, fuhr der Zug nach Flensburg in den Bahnhof, und, vom Glück verfolgt, ergatterte ich tatsächlich einen Sitzplatz. Und ich griff mir den nächsten durch den Waggon eilenden Schaffner, der mir wortkarg bestätigte, dass wir, ja, nach Flensburg führen. Erleichterung. Bis zur nächsten Durchsage. Diese beinhaltete die freudige Nachricht, dass alle Passagiere auf dem Weg nach Deutschland doch bitte in Kolding ( dem ersten jütländischen Bahnhof) auszusteigen. Von dort würden Busse als Schienenersatzverkehr nach Flensburg eingesetzt, denn Züge verkehrten heute nicht mehr nach Deutschland. In Kolding angelangt brauchten die Deutschlandfahrer eine Weile, bis sie den Busbahnhof fanden, doch schließlich stand an Platz 14 ein Doppeldeckerfahrzeug bereit, in dem passgenau alle die wollten bzw. Mussten Platz fanden. Die etwa hundertminütige Fahrt nutzte ich um schlafenderweis ein wenig zu ruhen.

Gegen 19:53 Uhr erreichten wir Flensburg. Und kaum in den Gefilden der Deutschen Bahn AG angelangt, merkte ein jeder den Kontrast zu unseren dänischen Freunden: Zwar herrschte auf allen deutschen Bahnhöfen Chaos und eine Heerschar nichtinformierter Bahnkunden tummelte sich in Wartehallen und auf Bahnsteigen, doch weit und breit gab sich nicht eine einziges Stück Servicepersonal zu erkennen. Der Dänen Motto "Viel hilft viel" wird von den Deutschen mit der Strategie "Weniger ist mehr" gespiegelt. Nachdem ich im Bahnhofskiosk, der auch um 20 Uhr schloss und dessen Personal besonders erfreut war über den Ansturm verzweifelter Reisender kurz vor Ladenschluss, die vorletzte Bockwurst ergattert hatte, harrte ich der Dinge (oder der Züge) die da kommen (sollten). Und sie kamen: Mit bloß 10minütiger Verspätung tauchte aus dem Schneetreiben der vorgesehene Regionalexpress nach Neumünster auf, von wo aus der Anschlusszug nach Hamburg gehen sollte. Meine Hoffnung, heute Nacht vielleicht doch noch nach Osnabrück oder Bielefeld und damit in von meinen Abholern erreichbare Entfernungen, wuchs ein wenig.

Bis der Zug in der Bahnhofseinfahrt von Neumünster anhielt. Dabei hatte der Zugchef schon die Abfahrtszeiten und Geleise der wartenden Anschlusszüge erläutert und alle Aussteigenden vor den „von Schnee und Eis vereisten Tritten“ gewarnt. Nun war der freundliche Herr zu einer weiteren Auskunft gezwungen, nämlich zu der, dass wir die Einfahrt in den Bahnhof leider nicht abschließen können aufgrund einer eingefrorenen Weiche. Der Techniker komme in etwa. 15 Minuten und lege dann die Weiche frei. Und so geschah es. Was ich bisher nicht erwähnt hatte, ist der erheiternde Umstand, dass ich bei all dem Chaos auf ein Mobiltelefon verzichten durfte. Mein Handy war mir Mitte November in einem Taxi in der arabischen Wüste von Qatar, auf der Rückreise von meinem Vogelbeobachtungstrip nach Thailand, verloren gegangen. Leider hatten es die freundlichen Mitarbeiter von O2 es innerhalb von mehr als einem Monat Wochen nicht geschafft, mir eine neue SIM-Karte zuzusenden. Doch diese Geschichte würde eine weiteren Blogeintrag füllen. Jedenfalls war ich auf meiner Irrfahrt ohne Handy und machte so also Gebrauch vom immerhin funktionsfähigen Telefonzellennetz der Deutschen Telekom, um meine Familie auf dem Laufenden zu halten.

Um etwa 21:50 gelangten wir also alle über die von Schnee und Eis vereisten Tritte auf den gleichfalls halb vereisten Bahnhof von Neumünster. Und schon um 22:42 Uhr sollte der Anschlusszug nach Hamburg eintreffen, der dann auch schon mit 20minütiger Verspätung gen Südwesten abfuhr. Von all den Mitreisenden, etwa dem schwedischen Seniorenehepaar, das von vielen anderen rührend umsorgt wurde, dem frisch geschiedenen Familienvater, der einem seiner besten Freunde die Geschichte der letzten Monate ins Telefon klagte, oder von den Backpackermädels, die eigentlich vorhatten noch bis nach Nürnberg zu kommen, kann ich in aller Ausführlichkeit hier freilich nicht berichten, denn das würde doch vollkommen den Rahmen sprengen. Was jedoch bei all jenen, eingeschlossen meiner Person, auffiel, war die mit steigendem Chaos und voranschreitender Verspätung sich verstärkende Gelassenheit, die sich breitmachte. Je später alles wurde, desto geduldiger wurden die Reisenden und mit einem umso breiteren Schmunzeln begegneten sie den skurrilen Verlautbarungen der Gleisansage.

Um etwa 0:30 erreichten wir Hamburg. Und wer eine mit Personal ausgestatteten Servicepoint erwartete, der irrte – selbst im riesigen Hamburger Bahnhof hatte entweder die Kälte oder die Bahn selbst ihre Mitarbeiter von den Gleisen gefegt. Und so blieb mir nichts anders üblich, als im nächstbesten (bzw. –günstigsten) Hotel um ein Nachtlager zu bitten. Gottlob war in der Herberge „Hotel Phoenix“, einem Etablissement aus den geschätzt späten 50er Jahren, ein Platz für mich in Form eines Einzelzimmers. Mit Klo auf dem Gang, einfach verglasten Fenstern und kurzen Wegen zu den übrigen sanitären Anlagen: Dusche und Waschbecken befanden sich ohne Abtrennung direkt im etwa siebeneinhalb Quadratmeter großen Zimmer. Das Frühstück war entsprechend und bedarf keiner weiteren Erwähnung

Am Morgen am Bahnhof empfing mich der freundliche Mitarbeiter am Servicepoint mit der Frage, warum ich mir denn bei meiner Ankunft in Hamburg am Vorabend meine Ankunftszeit habe bestätigen lassen. Als ich dann aber anhob zu einer "Also hören Sie mir mal zu: Wenn Sie keine Mitarbeiter..."-Salve, unterbrach er mich jedoch kurzerhand mit einem Augenzwinkern und gab mir den gewünschten Stempel. Nach etwa zwei Stunden erreichte ich Hannover, wo vollkommenes Chaos herrschte. Auf den total überfüllten Gleisen 11 und 12, von wo ich meinen Anschlusszug Richtung Herford nehmen sollte, trugen sich tumultartige unter Zustände zu, vervollkommnet durch die Verwirrung bei den Verantwortlichen. Auszüge aus den surrealen Zuständen: Aus den Lautsprechern ertönt die Durchsage  "Auf Gleis 11 ist nun für Sie bereitgestellt der Sonder-Intercity nach Köln über Essen (...)". Ein gänzlich überforderter Bahnmitarbeiter wird bestürmt von verwirrten, wild fragenden Kunden, was denn mit Zügen nach Köln und ins Ruhrgebiet sei, woraufhin dieser irgendwann nur noch barsch antwortet, dass alle Züge in diese Richtung auf unbestimmte Zeit verspäten, wegen Eisregens, Schneeverwehungen und eingefrorener Oberleitungen. Einige Sekunden später, nachdem ein guter Teil der Reisenden in den laut Anzeige und Durchsage bereitgestellten Intercity nach Köln eingestiegen sind, erschallt die aktualisierte Durchsage, alle mögen wieder aussteigen, dies sei nicht der IC nach Köln, sondern nach Berlin. Und so weiter. Nach dem Anblick dieser chaotischen Zustände verabschiedete ich mich von Gleis 11 und 12, um mich am Servicepoint mit frischer Information zu versorgen. Als ich dem gleichfalls vollkommen verzweifelten Info-Menschen ebendort die frohe Botschaft eröffnete, ich müsse bloß nach Herford bzw. Bad Oeynhausen, konnte ich ihn nur schwerlich davon abhalten, mir vor Freude um den Hals zu fallen, denn das war eine vergleichsweise einfache Aufgabe. Und so nahm ich um kurz nach 12 den Regionalzug stieg, wonach ich am Heiligen Abend gegen 13:30 Uhr, nach lediglich 25einhalb Stunden Reisezeit, mein Ziel erreichte.


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