Bis zum Tellerrand: Die "Tide" auf Norderney


"Da geht nur der Merlot" – recht alternativlos war die Weinempfehlung zu meiner Menüwahl, forsch vorgetragen vom leicht gehetzt wirkenden Kellner. Die Hektik war wohl den recht weiten Wegen geschuldet, die das Servicepersonal im Restaurant Tide auf Norderney zurückzulegen hat, insbesondere zwischen der offenbar in der Hotelbar befindlichen Kaffeemaschine und dem Gastraum. Atemlos durch den Abend – so könnte man die Grundstimmung des ansonsten einwandfrei arbeitenden Obers bezeichnen, doch über diese leichte Hektik hinaus habe ich nichts negatives zu berichten von meiner kulinarischen Erfahrung dieses Abends in der als Bistro geführten Lokalität, welche ganz in der Nähe des Norderneyer Kurparks seit etwa zwei Jahren betrieben wird. 






Nach der Bestellung kommt als erster Küchengruß frisches Brot mit einem ebenso frisch angerührten Kräuterquark auf den Tisch – kein Vergleich mit der Milram-Masse aus dem Kühlregal.  Das nächste Zusatzschmankerl lässt auch nicht lange auf sich warten: ein feines cremig-nussiges Kartoffel-Pilz-Süppchen. Mein Gedanke, dass der erste von mir bestellte Gang gleichfalls eine Suppe ist und man daher ja vielleicht etwas komplementäreres als Extra-Häppchen hätte reichen können, sei ausdrücklich unter der Kategorie "Jammern auf hohem Niveau" verbucht. Die Crouton-Kracher sollen hiermit auch noch Erwähnung finden, denn so gute hatte ich lange nicht.

Als Vorspeise habe ich mir eine Suppe von Nordseefischen und Taschenkrebs gewählt. Und was soll ich sagen: Ein Fehler war das nicht – ganz im Gegenteil! Ein feines Tomaten-Nötchen drängt sich nicht in den Vordergrund; Würfelchen aus Sellerie, Gurke und Karotte schmecken genau so wie sie sollen - nach  Sellerie, Gurke und Karotte, ohne den Hauptteil der Einlage in den Hintergrund zu drängen. Dieser Hauptteil besteht aus Stücken von Fisch, Nordseekrabben und Taschenkrebs - frische Seeluft umhaucht Gaumen und Zunge, fischig ist anders. Die Randerscheinungen – ein Klecks tollen Aiolis, ein Kräuterbaguette und eine feinfruchtige Trockentomate – erinnern daran, dass es gelegentlich tatsächlich genügt, bis zum Tellerrand zu schauen und nicht noch darüber hinaus.

Rosa gebratene Hirschkeule auf Serviettenknödel, Schwarzwurzeln und Rosenkohl – das gibt’s als Hauptgang. Geschmacklich überflüssig, weil neutral, aber hübsch dekorativ sind die Mini-Möhrchen; alles andere lässt keine Wünsche offen. Wunderbar zart die sogar sehr stattliche Portion des Hirschen, dessen Wildgeschmack durch das schonende Garen geweckt wurde, ohne dass er aufdringlich wird; traumhaft die Soße, von der es höchstens noch mehr hätte geben können; cremig-kräftig die herrlichen Knödelscheiben; dezent, aber frisch und knackig das Gemüse, welches blendend mit Fleisch und Sößchen harmoniert. Die Alternativlosgkeit des Merlot stellt sich auch noch als Erfolg heraus, passt er doch wunderbar zum Wild. Und selbst am Espresso zum Abschluss kann ich keinen Makel finden: Gut heiß ist er -  trotz des Weges, den die freundliche Kollegin des flotten Obers für den Tässchentransport zurücklegen muss.

Am meisten überrascht mich jedoch das Preis-Leistungsverhältnis: Ein Zweigangmahl solcher Qualität (und Portionsgröße!) kriegt man nicht alle Tage für 32 Euro (ohne Wein, für den nochmal 6,50 Euro fällig werden). Weiter so, liebes Tidenteam – ich hoffe, ich bin nicht zum letzten Mal bei Euch gewesen!



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