An die Wurzeln! Zur Reform des deutschen Wissenschaftssystems



Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß fordert die Reform des deutschen Wissenschaftssystems. Doch seine radikal anmutenden Vorschläge greifen in letzter Konsequenz zu kurz, solange sie die Ursache der Krise weder benennen noch in Frage stellen: die in ihrer Hierarchie zementierte Struktur des akademischen Systems.



Blick auf den Campus der Frankfurter Goethe-Universität








Der Vortrag von Prof. Jürgen Mittelstraß kürzlich bei der ehrwürdigen Frankfurter Polytechnischen Gesellschaft war zweifelsohne ein Glanzlicht im Alltag eines jeden Wissenschaftlers, der sich für die Geschichte und die Zukunft seiner eigenen Wirkungsstätten interessiert. Zumindest scheinbar ohne Scheuklappen stellte Mittelstraß, seineszeichens emeritierter Philosophieprofessor und ehemaliger wie aktiver höchst verdienter Wissenschaftsfunktionär, in erfrischender Klarheit die derzeitige Struktur des deutschen Wissenschaftssystems infrage – nachzulesen sind seine Kernthesen auch in der FAZ vom 21. September 2014.

Mittelstraß spart nicht an Kritik an den schier versteinerten Strukturen des Systems, an den vorgetragenen Rechtfertigungen hierfür ("Redundanz", "Wettbewerb"), und an Unwillen und Unfähigkeit zu Veränderung. Schonungslos identifiziert und bemängelt er derzeitige Auswüchse der Wissenschafts- und Bildungspolitik, so etwa den Trend zum nächsten (Hochschul-)Pakt, die (insbesondere universitäre) Über-Akademisierung Deutschlands, oder die allseits beklagten Folgen des Bologna-Prozesses (Verschulung, Forschungsferne, ...).
Auch Lösungen für Strukturveränderungen bietet Mittelstraß an. Seine wesentlichen Punkte:

  • Die Universitäten sollen sich als "Forschungs- und Lehrleistungszentren neuer Art" in kleinerem Format auf eine "forschungsnahe Lehre", auf die Fächer- und Disziplinenpflege und auf die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses konzentrieren, die Fachhochschulen im Gegenzug als "Regelhochschulen" ausgebaut werden.
  • Die Organisation der verschiedenen außeruniversitäteren Forschungsinstitutionen soll durchaus radikal umgekrempelt werden. Hierzu gehören die Verschlankung der Max-Planck-Institute, die Umstrukturierung (und teilweise Schließung) von Helmholtz-Zentren sowie die Auflösung der Leibniz-Gemeinschaft und der Ressortforschungs-Einrichtungen. Nur die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft sollen als "paradigmatisches Erfolgsmodell" unverändert fortbestehen.

Nicht zuletzt geht er mit dem Wissenschaftsrat – dem Gremium, das doch für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems zuvörderst zuständig ist – hart ins Gericht: Jede Hoffnung auf wegweisende Impulse seitens des Rates würden enttäuscht, so Mittelstraß, dereinst selbst Mitglied des Rates. Gleichsam desillusioniert und aufrüttelnd fällt das Fazit des Philosophen und Wissenschaftstheoretikers aus, wenn es um den Blick in die Zukunft geht.

Bedenkenswert sind seine Punkte allemal, mindestens für all diejenigen, denen diese Zukunft der Wissenschafts- und Bildungslandschaft Deutschlands nicht gleichgültig ist. Stellenweise ließ Mittelstraß jedoch wichtige Fragen unbeleuchtet, was zunächst den Grenzen des Aufsatz- oder Vortragsformats geschuldet sein mag. So sollten sich doch beispielsweise alle Strukturfragen an Zielen orientieren, welche freilich im Ringen der beteiligten Akteure in Wissenschaft und Gesellschaft erst ausgehandelt werden müssen. Prof. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, hat hierzu eine lesenswerte Replik zu Mittelstraß' Ausführungen vorgelegt, die sich auch mit dem Ziel von Wissenschaft insbesondere in ihrer gesellschaftlichen Dimension befasst.

Radikal ist anders

Doch hiervon abgesehen drängt sich nach meinem Dafürhalten ein anderer Punkt förmlich auf, und dieser betrifft die Ursache der negativen Auswüchse sowie folglich deren Behebung. Hier nämlich bleibt der scheinbar radikale Systemkritiker zu weit an der Oberfläche und versäumt es, um im Bild zu bleiben, die Axt tatsächlich an die Wurzel des kranken Systems zu legen.

Meine nach dem Vortrag gestellte Frage, ob es ihn denn überrasche, dass das System aus sich heraus so wenig reformfreudig sei, beantwortete Prof. Mittelstraß mit einem klaren "Nein". Und einer der wesentlichen Gründe hierfür ist auch offenkundig: Sämtliche Funktionsträger des Systems, sei es in den Universitäten oder Wissenschaftsinstitutionen, sei es in Gremien wie dem Wissenschaftsrat, sind in ebendiesem System "groß" geworden bzw. zumindest zu Einfluss gelangt. Die Infragestellung  des Systems implizierte doch zwangsläufig auch eine Infragestellung auch der eigenen  Person, mindestens jedoch der eigenen beruflichen Leistung bzw. des Karriereweges. Und wer stellt sich schon gerne selbst infrage!? Rein psychologisch stellt die Situation also ein Dilemma dar, das über das Phänomen "Ich säge nicht den Ast ab, auf dem ich sitze" durchaus hinausgeht und aus dem somit ein Entrinnen nicht trivial erscheint.

Symptomatisch mutete in diesem Zusammenhang das Diskussionsverhalten eines der anwesenden, wissenschaftspolitisch hochdekorierten Zuhörer an: Dieser, einer der ehemaligen Präsidenten der Goethe-Univerität, hatte dem Referenten gerade noch entgegnet, die Universitäten hätten doch in den letzten Jahren eine solche Dimension an Veränderungen (Stichwort Bolognaprozess) mit sich machen lassen, dass man ihnen mangelnden Reformwillen nun wirklich nicht vorwerfen könne. Beim nächsten Diskussionsbeitrag nicht professoraler Herkunft hingegen, der sich in ein wenig Fundamentalanalyse versuchte (s.o.), war der Smalltalk mit den Sitznachbarn selbstredend wichtiger. Wie anders sollte man dies wahrnehmen als als Abwehrhaltung gegenüber dem sachlichen Argument, welches am Panzer der geradezu hermetisch anmutenden Zirkel der Verantwortung(sträger) abperlt.

Trotz Reformen: Die Strukturen sind geblieben!

Doch sind die Universitäten tatsächlich die großen Vorreiter im Reformgeschehen? Wohl kaum. Natürlich stellen die Bologna-Reformen eine gewalte Herausforderung dar, welche die Hochschulen allerdings zumeist eher schlecht als recht gemeistert haben. Letzteres übrigens vor allem deshalb, weil gerade die professoralen und verwaltungsbeamteten Umsetzer der politischen Vorgaben sich seltenst um die eigentlichen Ziele der Reform kümmerten, sondern die neuen Studiengänge aufgrund von Fehlinformation und Missinterpretation in einem Maße verbürokratisierten, überregulierten und überfrachteten, das diametral zu den Zielen steht.

Doch das nur am Rande. An der Organisations- und Entscheidungsstruktur, welche nach meiner These die Ursache der von Mittelstraß identifizierten Defizite ist, hat sich nichts geändert, und das ist die Konzentration der Entscheidungskompetenzen an der Spitze der akademischen Pyramide – der Professur. Wissenschaft wird, trotz Studentenrevolte, Bildungsexpansion, Gruppen- bzw. Gremienuniversität und Bolognaprozess, in einem streng hierarchischen System betrieben, deren (nach wie vor meist) habilitierte "Köpfe" recht ungestört die wesentlichen Entscheidungen treffen.

Die Lehrstuhl-Fürstentümer in den Fakultäten und Fachbereichen existieren weiter – je mehr Doktoranden und Assistenten, desto sicherer mehren sich Ruhm und insbesondere Drittmittel. Über die Verteilung der Drittmittel an die Antragssteller entscheiden, schaut man z.B. auf die Deutsche Forschungsgemeinschaft, wiederum Gremien professoraler Funktionsträger. Universitätsleitungen honorieren eingeworbende Drittmittel mit finanziellen Zuschüssen oder mehr Stellen, diese erlauben die Einwerbung weiterer Drittmittel (und Stellen), und so fort.

Nicht abgestritten werden sollen hier freilich die wissenschaftlichen Leistungen der erfolgreichen Pyramidenspitzen – doch dass es bei der Bewilligung von Forschungsgeldern nicht allein auf gute Ideen ankommt, das wird einem ein Heer von Antragsstellern und auch Gutachtern freimütig bestätigen. Nochmals, und ganz ohne Polemik: Betrachtet man diesen Ausschnitt nur des universitären Wisseschaftsbetriebs - wen überrascht dann noch der Befund, dass das System sich genügt und es keinen rechten Reformwillen entwickelt!?

Luft ins System!

Lösungen? Gibt es, oder zumindest Vorschläge hierzu – stichpunktartig seien wenige genannt. Der Kern: Luft muss ins System! Fürstentümer müssen verkleinert, Traditionen und Rituale entschlackt, Verantwortung geteilt statt konzentriert, Organisationsformen überdacht und vor allem überkommene Hierarchien verabschiedet werden. Junge Leute mit guten Ideen verdienen frühere und reichlichere Förderung – frühere langfristige Beschäftigungsperspektiven gehören genau so dazu wie eine stärkere Risikobereitschaft der Drittmittelgeber. An einigen Stellen rührt sich schon was – manche Hochschulen wagen sich an tenure-track-Modelle, Stiftungen finanzieren bewusst risikoreiche Forschungsideen, das Elend des unsäglichen Befristungstheater ist erkannt und Lösungen werden gesucht.

Doch was passiert, ist noch zu wenig, und die Debatte um die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems steht erst am Anfang. Die Erkenntnis, dass sie richtig ist und wichtig, verdanken wir auch Beiträgen wie denen von Prof. Mittelstraß. Weitere, womöglich radikalere Beiträge müssen nun folgen – ich bin gespannt!







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Comments

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  1. m.eik says:

    ein weiterer urwald, in den nach wie vor dringend mehr lichtungen geschlagen werden müssen, ist das verstaubte publikationssystem, das einen wichtigen beitrag zur hierarchischen starre leistet.

    ich will nicht sagen, daß sich da nichts tut -- gerade unter den jüngeren, die mit dem internet und p2p groß geworden sind, wird viel energie frei, wenn sie einen wichtigen artikel hinter der paywall eines verlages vermuten, und genau wissen, dass der preis, gemessen an der wirklichen leistung des verlags, allenfalls als sittenwidrig einzustufen ist.

    problematisch ist aber nicht mal der preis, sondern dass dieses verbarrikadieren von wissen hinter längst überflüssige gatekeeper freies und selbstbestimmtes forschen strukturell verunmöglicht. dieses wissen muss in die welt, zum einen, um mehr offenes peer review zu provozieren, und zum anderen, um neue geistesblitze auch von außerhalb der klassischen forschungseinrichtungen erhalten zu können.

    dafür muss letzlich das akademische reputationssystem einer revision unterzogen werden. es sollte selbstverständlich ein malus sein, wenn man in einer zeitschrift publiziert, die den zugriff auf ihren inhalt künstlich erschwert, um daraus profit zu schlagen. dieser profit, der irrwitzigerweise dadurch entsteht, dass verlage den forschungseinrichtungen ihre eigenen forschungsergebnisse verkaufen, ist wissenschaftsfremd und blutet immense ressourcen aus dem kreislauf aus.

    es wäre mit weniger geld mehr zu erreichen, wenn sich diese strukturschwäche eindämmen und durch ein transparentes, allen interessierten frei zugängliches peer-review-system ersetzen ließe. anders gesagt: wir verschwenden wissen. können wir uns das wirklich leisten?

  2. Christian says:

    Danke für diese Ergänzung! Das ist in der Tat eine wichtige Komponente des Themenkomplexes, die erst ganz langsam sich ins Hirn der Publizierenden und ihrer Institutionen Einzug erhält. Aber es passiert was an der einen oder anderen Stelle, und die Aufmerksamkeit hinsichtlich dieser absurden Situation, die Du treffend beschreibst, wächst. Immerhin.


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