Ihrer Zeit hinterher: Mit Studiengebühren ist kein Staat zu machen


Einmal mehr hat DIE ZEIT ein Plädoyer für Studiengebühren veröffentlicht. Der Artikel von Thomas Kerstan überrascht durchaus nicht, ist es doch nicht sein erster Beitrag, der dem Bezahlstudium das Wort redet. Gestattet sei mir an dieser Stelle das Wortspiel, dass Deutschlands wichtigste Wochenzeitung ihrer ZEIT diesmal wohl hinterher ist, haben doch alle Bundesländer die zwischenzeitlich erhobenen Gebühren wieder abgeschafft.

Dabei werden die Argumente, die Kerstan und alle anderen Apologeten der Campus-Maut immer wieder vortragen, durch ihre ständige Wiederkehr nicht besser. Es sei eine Gerechtigkeitsfrage, die Profiteure eines Hochschulstudiums angemessen zu beteiligen: Zumeist studierten schließlich die Sprösslinge der Oberschicht, zulasten von Putzfrau und Polier, die dafür ihre Steuergroschen berappen müssten. Außerdem brauche das Hochschulsystem dringend Geld  und  wenn man es technisch richtig mache, würde eine Gebührenpflicht schon niemanden vom Studium abhalten. Meine ehemalige Kommilitonin Caterina Lobenstein, die 2006 in Marburg mit gegen die Gebühren protestiert hat und inzwischen selbst ZEIT-Redakteurin ist, hat im vergangenen Jahr hierzu kurz und knapp wichtiges entgegnet.

Ein wenig mehr gesellschaftlicher Weitblick könnte man aber auch von der ZEIT erwarten: Letztlich zielt  das Thema Studiengebühren nämlich auf die Frage, was eine Gesellschaft sich als Kernaufgaben leisten will und was nicht. Ein funktionierender Rechtsstaat zur Durchsetzung von Recht und Ordnung gehört mit Sicherheit für alle zu diesen Kernaufgaben dazu, ebenso wie beispielsweise der Betrieb öffentlicher Infrastruktur. Wir leisten uns diese Dinge (ebenso wie Theater, öffentliche Krankenhäuser oder das Schulsystem), weil sie essenzielle Errungenschaften, ja Bedingungen für das Funktionieren einer Gesellschaft darstellen. Und hierzu muss auch die Hochschulbildung gehören!

Ganz grundsätzlich: Der gesellschaftliche Anspruch sollte sein, jedem Mitglied der Gesellschaft seinen Talenten, Wünschen und Leistungen entsprechend den bestmöglichen Bildungsweg zu ermöglichen. Denn nur so wird gesellschaftliche Teilhabe und Teilnahme gewährleistet – das, was das Gemeinwesen zusammenhält. Wenn sich die Gesellschaft auf diesen Anspruch und dieses Ziel einigt, und dann natürlich auch darauf, die Kosten hierfür über das Steuersystem bereitzustellen, hat sie gewonnen, denn der Nutzen der Teilhabe überwiegt den materiellen Aufwand – sowohl moralisch als auch ökonomisch.

Studiengebühren verfolgen ein anderes Gesellschafts- und auch Gerechtigkeitsmodell. Es ist das Modell des "jeder ist allein seines Glückes Schmied", welches den Partikularismus befördert und  auf den persönlichen Profit des Individuums fokussiert. Der Nutzen für die Gemeinschaft wird ausgeblendet. Daher darf bezweifelt werden, dass das Gemeinwesen insgesamt von diesem Modell profitiert.

Die Politik ist diesmal der ZEIT voraus: Egal, aus welchen Gründen – sie hat begriffen, dass mit Studiengebühren kein Staat zu machen ist. Vielleicht begreift es Herr Kerstan auch irgendwann. 


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