Klimawandel und Öko-Landbau: Wölfe bald in unseren Vorgärten?

Sunday, April 1. 2012

HINWEIS: Wer das folgende liest, muss auch das hier lesen.

Seit etwa 12 Jahren leben wieder Wölfe in Deutschland - zuletzt wurde ein streunendes Tier im Westerwald gesichtet. Kein Grund zur Panik, so hieß es bisher, denn ihre heimliche, ja gar menschenscheue Lebensweise hielt die Wölfe bisher von menschlichen Siedlungen fern. Klimawandel und veränderte Lebensräume stellen jedoch eine Kombination von Faktoren dar, die womöglich auch das Verhalten der Raubtiere ändert. Und dies könnte in der Tat Anlass zur Sorge geben!








Continue reading "Klimawandel und Öko-Landbau: Wölfe bald in unseren Vorgärten?"

Mobil im Tümpel

Wednesday, March 7. 2012

Libellen können fliegen. Diese Binsenweisheit sollte allgemein bekannt sein. Doch reichen die Flugkünste von Binsenjungfer, Blaupfeil und Plattbauch aus, um dem dräuenden Klimawandel auszuweichen? Dieser Frage bin ich in einer jüngst im Fachmagazin Biology Letters der Royal Society erschienenen Studie nachgegangen. Es stellte sich heraus, dass Libellenarten, deren Larven in Tümpeln und Teichen leben, mit dem Klimawandel besser zurechtkommen als ihre in Bächen und Flüssen lebenden Artgenossen. Für die Untersuchung, die das Resultat eines Kooperationsprojektes mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Dänemark, Spanien und Mexiko, hatten wir anhand von Artverbreitungsmodellen das tatsächliche und potenzielle Vorkommen europäischer Libellenarten in 2006 mit dem Jahr 1988 verglichen. Besonders freut mich freilich, dass nationale (z.B. die Frankfurter Rundschau) und internationale Medien (z.B. Science Daily) unsere Ergebnisse aufgegriffen haben.







Continue reading "Mobil im Tümpel"

Denn sie tun nicht, was sie wissen.

Monday, February 20. 2012

Aber warum?! - Weil selbst die klügsten Köpfe der Nation sich nicht einig darüber werden, wie das Richtige erreicht werden kann. So könnte das Fazit der Podiumsdiskussion "Warum fällt es uns so schwer, das Richtige zu tun?" aussehen, welche als Schluss-Highlight die Veranstaltungsreihe "Wie wollen wir leben?" des Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (BiK-F) beendete. Mindestens von hohem Entertainmentwert war die Debatte, insbesondere die Beiträge von Hans Werner Sinn (München) und Harald Welzer (Essen).





Continue reading "Denn sie tun nicht, was sie wissen."

Nicht der große Wulff

Friday, February 3. 2012


In den Umfragen sinken die Kompetenzwerte des Bundespräsidenten hinter die von Guido Westerwelle. Das Maß ist voll. Herr Wulff, erlösen Sie uns!

Seit Wochen (gefühlt eher Monaten) erfreut sich die deutsche Medienöffentlichkeit vor allem an einem Thema: Den Leiden des Bundespräsidenten. Die gemeine Journallie hetzt den armen Wulff, auf dass seinen Schafspelz zu verlieren droht. Nicht ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Bobbycar durchs Dorf gerollt, ein neuer Kredit verspielt, ein alter Hut in neue Skandalschläuche verpresst wird.

Nach seiner Wahl dachte ich, wie viele andere auch: Hm, der große Wulff ist es nicht, aber auch nicht der Super-Gauck. Oder mit anderen Worten: Geben wir dem Mann mal 'ne Chance. Und ja, ganz offen gestanden habe ich, als das Theater losging, auch gedacht: "Herrschaften, nun lasst ihn doch in Ruh'." Einen billigen Kredit in Anspruch genommen? Schwamm drüber. Dem Landtag dazu die vollständige Sachlage vorenthalten? Fehler machen auch Politiker mal. Ein Flug-Upgrade von der Holz- in die Businessklasse akzeptiert? Wer würde sich darüber nicht freuen. Die Mailbox-Nachricht beim Bild-Chefredakteur? Im emotionalen Affekt in der Hitze Arabiens wortgewordene Blödheit.

Und auch all die geschenkten Bobbycars, unentgeltlich geliehenen Kleider, Urlaube in den Gästezimmern (oder eher Gäste-Villen) von Freunden: Sie sind mir egal. Oder nein, inzwischen sage ich: Sie wären mir egal.









Continue reading "Nicht der große Wulff"

Relaunch

Tuesday, January 31. 2012

Ein Jahr ohne Eintrag. Wie konnte das passieren? 2011 ist tatsächlich ohne jeglichen Text auf den Vogelwart-Seiten zu Ende gegangen. Freilich, wie für das Jahr selbst waren auch für den Autor die Zeiten ereignisreiche: Der Wechsel vom dänischen Nachbar- zurück ins deutsche Heimatland, der Neustart beruflicher Art, der Umzug in die Mainmetropole, Reisen ins mittelamerikanische und südostasiatische Ausland, die stress- aber erfolgreiche Publikation diverser wissenschaftlicher Artikel u.a. im Fachblatt "Nature" und verschiedene besondere andere Umstände dieser oder jener Natur brachten mangelnde Muße mit sich. Und unter diesem Mangel darbte der Blog.

Eigentlich schade drum, war doch 2011 an kommentierenswerten Ereignissen reich wie kaum ein anderes Jahr. Ein kurzer, rückblickender Rundumschlag:

In Arabien ist eine ganze Führungsriege von Diktatoren und Despoten abgetreten (worden) und es keimen hoffnungsfrohe demokratische Pflänzchen.

Der Hoffnungsträger der deutschen Politik, Freiherr zu Guttenberg, verließ sein Ministerium und ist weg über den großen Teich – vorerst (oder inzwischen endgültig?) gescheitert. An Fußnoten. Oder doch wohl eher an Überforderung im Amt und allem anderen?

Derweil steht nicht nur das Guttenbergsche Schloss, sondern auch "Wetten, dass...?" herrenlos da: Gottschalk ging, und seither rätselt und bangt das Land über und um einen Nachfolger. Die Ablenkung sei ihm gegönnt. Dem Land, nicht Gottschalk. Obwohl... – dem eigentlich auch.

Wie dem auch sei, Ablenkung tat nämlich not, und zwar ob der Krisenstimmung, die tagaus, tagein, verbreitet wurde. Mindestens von der Kanzlerin, die das ganze Jahr über Gipfel zu Gipfel eilte. Zur Rettung des Euro, der Griechen, des Finanzsystems. Sie lernte den europäischen Partnern endlich mal deutsch (Zitat Kauder), zumal beim Sparen. Und der Finanzminister macht bei sprudelnden Steuereinnahmen milliardenhoch neue Schulden. Wenn das keine politische Konsequenz ist!

Immerhin eine positive Konsequenz hatte die europäische Staatsschuldenkrise: Bunga-Bunga-Berlusconi musste seinen Hut nehmen. Zu hoffen bleibt, dass es ihm nun nicht mehr gelingt, sich der italienischen Justiz zu entwinden!

Winden – was fällt einem da noch ein im Politiktheater? Na, die FDP! Sie windet sich nämlich konstant unter der Fünfprozenthürde durch. Westerwelle weg, Rösler da, und schon ist der Liberalen größte Sorge, bei der nächsten Wahl nicht unter "Sonstige" geführt zu werden. Sie können einem fast leidtun – vom Regen unter Umgehung der Traufe in die Totalscheiße sozusagen...

Das dachten auch die Japaner – Erdbeben, Tsunami, Super-GAU. Ein gutes hatte letzterer aber (wobei dies freilich in keinem Verhältnis zu den Unglücken in Japan steht – dies sei hier betont): Er brachte uns eine Energiewende (wobei der im Frühjahr gestartete Tiger schon wieder als Bettvorleger gelandet zu sein scheint), und Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten. Der muss zwar nun zur Strafe trotzdem Stuttgarts Bahnhof verbuddeln, aber sei’s drum...

Auch große Persönlichkeiten mussten unter die Erde 2011. Erwähnt sei hier nur der Vertreter feinsinnigsten deutschen Humors, von dem die Fangemeinde Abschied nehmen musste: Loriot wird uns fehlen. Um ganz in seinem ureigenen Duktus zu bleiben: Ein Leben ohne ihn ist möglich, aber sinnlos.

Sinnlos freilich auch, dass Bundespräsident Wulff immer noch im Amt ist – aber möglich. Schauen wir mal, wie lange noch.

Ganz in diesem Sinne hoffe ich, dass 2012 ein paar mehr Beiträge zu den Themen Politik, Kultur, Natur und Wissenschaft den Weg auf den Vogelwart-Blog finden – und seien es nur je ein paar Zeilen. Themen gibt es schließlich reichlich – da bin ich angesichts dieser Bundesregierung und der sonstigen Weltlage ganz und gar nicht bange...






Irrfahrt ins Weihnachtsfest

Monday, December 27. 2010

Das Jahr geht zu Ende, die Weihnachtsfeiertage sind bewältigt, und der Vogelwart liegt mit einer wieder aufgeflammten Grippe im Bett. Das gibt ihm die Gelegenheit, der geschätzten Leserschaft Bericht zu erstatten über die Erlebnisse seiner Fahrt von der dänischen Hauptstadt ins westfälische Herford, in dessen Nähe die diesjährigen Festtäglichkeiten stattfinden sollten. Die Fahrt war veranschlagt für den 23.12., die Abfahrt Kopenhagen für 11:44, die Ankunft in Herford um 18:42 Uhr des selben Tages, die gesamte Fahrt also für etwa sieben Stunden. Wie sich die Fahrzeit mirnichts, dirnichts verdreifachte, davon möchte ich im Folgenden berichten.



Continue reading "Irrfahrt ins Weihnachtsfest"

Dänischer Sommer

Wednesday, July 21. 2010

Wenn einem der berüchtigte dänische Sommer (von dem die Legende geht, manch einer habe ihn verpasst, weil er kurz auf dem Klo war) so wenig übel mitspielt wie in den letzten Tagen, kann man das ja durchaus auch mal schriftlich festhalten. Und so sieht denn die Lage aus momentan:

Das Department ist halb bis dreiviertel leer, da Dänemark im Juli insgesamt im Prinzip geschlossen hat. Zum Mittagessen nimmt man seine Butterbrote mitsamt gulerøder (Mohrrüben, die zu jedem dänischen Lunch pflichtgemäß dazugehören) auf den Linden-beschatteten Holzbänken im Innenhof des Unigebäudes ein. Die Gespräche mit den gottlob doch noch Gesellschaft leistenden zurück- und daheimgebliebenen Kollegen drehen sich um die Wahrscheinlichkeit, mit welcher der heutige Tag der letzte Sommertag sein könnte, um langfristige Berufs-, mittelfristige Konferenz- und kurzfristige Strandbesuchs- und Grill-Ziele ("ist im Frederiksberg Have das Grillen gestattet, und wenn nein, könnte man sich im Notfall mit seiner ausländischen Identität rausreden?"), sowie um die Chance, für den neuerlich erworbenen Siemens-Kaffee-Vollautomaten eine Softeis-spendende Erweiterungsapparatur zu erwerben und montieren. Letzteres scheitert freilich am mangelnden Angebot seitens des Herstellers, doch die Hoffnung stirbt zuletzt, dass man die Softeis-Extension als open-access-plugin bald online herunterlanden kann – vielleicht auch als package in R, denn da gibt's ja bekanntlich alles.

Die laut dröhnende, quasi durch das Büro hindurchfahrende Hauptverkehrsstraße, deren Geräuschintensität dadurch, dass die Hitze bei geschlossenem Fenster stehend und somit unerträglich wird, lässt die Arbeit nach der Mittagspause mithin nicht unbedingt konzentrierter werden. Daher ist die Freude darüber, dass die während der Nichtferienzeit zahllosen Besprechungen, Seminare und Diskussionsrunden, die einen doch sonst so sehr vom eigentlichen wissenschaftlichen Tun abhalten, durch möglichst ebenso zahllose Kaffee-, Kuchen- oder Eiscremepausen ersetzt werden, groß.

Mittwochs ab 16:00 Uhr fiebert man dann, nachdem man das für heute selbstgesteckte Pensum abermals durch diverse Facebook-Aktualisierungen und wichtige Informationsrecherchen aus dem Sommerloch bei Spiegel Online weiter in Richtung der definitiven Nichtbewältigung gerückt hat, dem wöchentlichen Fußball-Event entgegen, also werden die Shorts gewechselt, die Stutzen gestrafft und die Stollen angelegt, um für etwa zwei Stunden auf knochenhartem Rasen durch die pralle Sonne zu rennen. Was aber Spaß macht, solange man sich ordentlich eingeschmiert hat, denn sonst gerät der üblicherweise eher käsige Teint leicht zum Hummer-Abbild.

Und das wirklich Gute am Kopenhagener Sommer ist, dass nach dem zweistündigen Aufheizen auf dem Bolzplatz das frische, klare Wasser der Ostsee in zehnminütiger Radelentfernung die unbändige Versuchung einer Abkühlung bietet. Gesagt, getan, man springt (natürlich gemeinsam mit etwa 2000 weiteren Gleichgesinnten, die gleichfalls die etwa 1000 Quadratmeter Sandfleck am Svanemøllener Strand belegen) in die frischen Fluten, die zwar im Gegensatz zur wellig-brausenden Nordsee doch eher einer Badewanne gleichen, aber wir wollen uns ja nicht beschweren. Beim kühlen Bade lauscht man den Ausführungen des Kollegen, seineszeichens promovierter Biogeochemiker und Spezialist für marines Phytoplankton, die kurz die Zusammensetzung der hier vorliegenden (bzw. –schwebenden) Planktonfemeinschaft anhand der grünlichen Wassertrübung darstellen. Was will man mehr – im dänischen Sommer!?


Förderungsfehler

Saturday, July 10. 2010

Warum die Bundesregierung mit ihrem Stipendienprogramm auf dem falschen Dampfer ist

Der Bundesrat hat heute einem der Prestige-Objekte der Koalition grünes Licht gegeben: Nach anfänglichen gegenteiligen Signalen aus der Länderkammer haben sich die schwarzen Landesfürsten doch dazu breitschlagen lassen, dem nationalen Stipendienprogramm zuzustimmen.

Dass dies kurz vor einer Änderung der Mehrheitsverhältnisse des Rates (die schwarz-gelbe Regierung aus NRW hat schon längst keine Parlamentsmehrheit mehr hinter sich, gibt aber trotzdem ihre sechs Stimmen für das umstrittene Projekt) geschieht, und nur nachdem die zuständige Ministerin mit reichlich Bundesgeld ihre Argumente unterfütterte, mag ein gewisses G’schmäckle darstellen, welches jedoch nicht vom grundsätzlichen Fehler ablenken soll: Das Stipendienprogramm ist nicht nur sozialpolitisch, sondern langfristig auch wirtschaftspolitisch falsch.



Continue reading "Förderungsfehler"

So nicht!

Thursday, June 10. 2010

Die Regierung tritt mit ihrem Sparpaket jegliches Prinzip von Gerechtigkeit und Ausgewogenheit mit Füßen.

Viel Häme könnte man dieser Tage ausschütten über den Zustand von Merkels Rumpelstilzchenverein, der seine Gurkentruppen aussendet, um die bayrischen Wildsäue im Zaum zu halten - alles Zitate aus koalitionseigener Produktion wohlgemerkt! Doch reiße ich mich angesichts der Ergebnisse der Kabinettssparklausur vom vergangenen Wochenende zur Abwechslung mal zusammen und versuche an einem ganz sachlichen Kommentar. Wobei diese Sachlichkeit keineswegs Gelassenheit impliziert, denn gelassen kann man angesichts der angedachten himmelsschreienden Ungerechtigkeiten wohl kaum bleiben. Ganz und gar nicht gelassen kommentiert etwa Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung die Pläne der Koalition.



Continue reading "So nicht!"

"Was ist denn hier los?"...

Wednesday, June 2. 2010
...mag man sich angesichts aller möglichen aktuellen Ereigniss derzeit fragen. Schaut man in diesen Blog, ist die Frage schnell beantwortet, denn außer gähnender Leere war hier nichts los in den letzten Monaten (doch dazu später noch ein wenig mehr). Ein Blick ins deutsche öffentliche Leben macht jeden Beobachter so fernab der Heimat er auch sein mag, staunen!

Eine gewisse Lena singt ganz Europa in Grund und Boden, ein deutsches Bundesland wird unverhofft von einer freudigen Rücktrittserklärung ereilt, ein deutsches Staatsoberhaupt spielt beleidigte Leberwurst und hat keine Lust mehr auf die ihm aufgetragene Verantwortung. Nebenbei spannt das Parlament einen Milliardenrettungsschirm nach dem anderen über südeuropäische Europartner, die Regierung tanzt Sirtaki ums Haushaltsloch, und den Liberalen gerät ihr Hohelied der Steuersenkung zum Leidmotiv. "Was will man mehr!?" sagt sich der Blogger, und schreibt endlich mal wieder einen Beitrag...



Continue reading ""Was ist denn hier los?"..."

Zum Wahnsinnigwerden II

Monday, November 30. 2009
Unterstützung für meine Ausführungen erfahre ich übrigens bei SPIEGEL ONLINE, wo der Verlauf der Sendung, die zum Phrasenforum für "Annette ohne Land" verkam, sehr eindrücklich nachgezeichnet wird. Zu finden HIER.

Zum Wahnsinnigwerden

Monday, November 30. 2009

Nun sitz' ich hier und kann nicht anders - als doch was zu bloggen. Da will man als Dissertationsendphasen-geplagter Doktorand am Sonntagabend einen Manuskriptentwurf voranbringen, und was passiert? Für eine Stunde politischer Unterhaltung schaltet man das Erste Deutsche Fernsehen ein, wo Anne Will über die Bildung diskutieren lässt. Und da muss man sich eine Bildungsministerin anhören, die jeden aufmerksamen und am Bildungsthema interessierten Zuhörer an den Rand des Platzens bringen. Annette Schavan ist – angesichts ihrer Machtlosigkeit insbesondere nach der letzten Föderalismusreform – bereits qua Amt der Grüßaugust der Bundesregierung. Doch dass sie diesen Titel mit der Sinnentleertheit ihrer Phrasen nachhaltig untermauert, ist trotz ihrer Parteizugehörigkeit schwerlich zu begreifen. Drei Beispielen ihrer Worthülsen folgen jeweils Kommentare meinerseits, die mir hoffentlich eine geruhsame Nacht ermöglichen.


Continue reading "Zum Wahnsinnigwerden"

Deutschland hat gewählt

Tuesday, September 29. 2009

Und zwar anders als ich es mir erwünscht habe, das gebe ich ganz offen zu. Union und FDP haben durch eine klare Mehrheit der Mandate im Parlament einen klaren Regierungsauftrag. Linke und Grüne haben prozentual gewonnen, die SPD hingegen ist eingekracht. Elf Prozent Verlust, das schlechteste Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte, ein Drittel ihrer Abgeordneten verliert die Sozialdemokratische Partei. Insbesondere ans Lager der Nichtwähler hat sie SPD verloren – offenbar hat sie mit ihren Ideen und Konzepten nicht überzeugen können. Das ist das Tragische. Ohne Wählerschelte betreiben zu wollen, denn die Entscheidung des Souveräns sollte jeder Demokrat respektieren, darf es aber doch erheblich wundern, dass die Partei, die mit dem klarsten Deutschlandplan wahlgekämpft hat, abgestraft wurde. Diejenigen hingegen, die gesellschafts- und wirtschaftspolitisch ohne jedes Konzept und ansonsten mit aberwitzigen Steuersenkungsversprechen durch die Lande zogen, haben gewonnen. Das Schizophrene dabei: Selbst die, die CDU, CSU und FDP gewählt haben, glauben diesen nicht hinsichtlich ihrer Entlastungsankündigungen. Sei’s drum. Ich wünsche nun der absehbar schwarz-gelben Regierung eine glückliche Hand.

Der SPD hingegen sei mehr gewünscht. Erstens muss sie nun – in Ruhe und mit Umsicht – die Gelegenheit zur personellen Erneuerung nutzen. Frank Walter Steinmeier sollte Fraktionsvorsitzender und damit Oppositionsführer werden, denn er vermittelt die notwendige Balance aus ökonomischer, sozialer und ökologischer Vernunft glaubwürdig. Fehler der Vergangenheit müssen allerdings auch von ihm eingestanden und ausgeglichen werden, was im übrigen nicht heißt, im Grundsatz richtige Reformen wieder zurückzukurbeln. An der Parteispitze muss es zweifelsohne Veränderungen geben, doch rate ich auch hier zu einem Ausgleich aus vernünftiger Kontinuität und jugendlichem Engagement.

Zweitens muss sich die SPD neuen Koalitionsoptionen in Richtung Linke öffnen, denn sonst verbaut sie sich dauerhaft ihre Machtperspektive. Voraussetzung dafür ist freilich, dass auch die Linke in vielen Fragen zunächst in der Realität ankommen muss, sei es außenpolitisch, wirtschafts- oder finanzpolitisch.

Drittens aber sei der SPD gewünscht, dass sie sich besinnt auf ihre Aufgabe als große, stolze, linke Volkspartei: Politik zu machen für alle Schichten der Gesellschaft, vom Arbeitslosen bis zur Unternehmerin, von der Alleinerziehenden bis zum Hochschulprofessor, vom Arbeiter bis zur Studentin. Dabei muss sie sich vom roten Faden der Gerechtigkeit leiten lassen. Und hierbei muss sie es schaffen, Gerechtigkeit lokal wie global, für die Gegenwart wie für die Zukunft zu denken und entsprechend zu handeln. Nur das kann sie langristig wieder zu neuer Stärke führen. Die SPD muss die Kraft der Integration von ökonomischer Vernunft und sozialer Balance bleiben, ganz im Sinne ihrer Grundsätze Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Und wo sie es nicht mehr ist, muss sie es wieder werden. Denn die SPD wird gebraucht – für Deutschlands Zukunft.


Wo gewählt wird, verliert Schwarz-Gelb

Monday, August 31. 2009

Die heutigen Landtagswahlen haben spannende Ergebnisse zu Tage gefördert. Sowohl für die Koalitionslandschaft im föderalen Flickenteppich wie auch als Test der politischen Stimmung in Deutschland. Zu letzterem Aspekt erlaube ich mir hier einige Bemerkungen.

Fasst man numerisch die Ergebnisse aus dem Saarland, aus Thüringen und Sachsen zusammen, kommt man in der Tat zu interessanten Zahlen. Betrachtet man die Summe der prozentualen Veränderungen seit den letzten Wahlen in den drei Ländern, so hat die CDU 25,6 Prozent verloren, die SPD 1,7 Prozent, während die Grünen gut 3, die FDP 12,1 und die Linke 17,3 gewonnen haben. Ein Blick auf die Madatsverluste, verrät, dass die CDU 20 Sitze verloren hat, die SPD einen, während die Grünen, die Linke und die FDP 9, 8 und 16 Sitze dazugewonnen haben. Und einen letzten Punkt füge ich hinzu, der meiner Ansicht nach für den Bundestrend der spannendste ist: Wo die Wahlbeteiligung stieg (z.B. mit 12,1 Prozent im Saarland oder mit 2,4 Prozent in Thüringen), hat ein schwarz-gelbes Bündnis keine Mehrheit, wo dagegen die Wahlbeteiligung zurückgeht und im Tal verharrt (51 Prozent in Sachsen, was ein Minus von 5,9 Prozent bedeutet), gewähren quasi die Nichtwähler CDU und FDP den Regierungsauftrag. Mit anderen Worten: Wo mehr Menschen wählen gehen, kommen linke Mehrheiten zustande, was den Schluss naheliegt, dass, je mehr Menschen befragt werden, sich um so breitere Mehrheiten gegen konservativ-liberale Regierungen finden. Ein Ruhmesblatt für ebendieses Lager sieht anders aus, Rückenwind für eine Wahl, bei der üblicherweise ca. 80 Prozent der Wähler zur Urne pilgern, auch.

Freilich darf man die Signalwirkungen dieser Regionalwahlen für die Bundesebene nicht überbewerten, sind doch die Abstrafung von Dieter Althaus in Thüringen und das Erstarken der Linkspartei im Saarland durch die Popularität Oskar Lafontaines recht lokale Phänomene, die sich nur begrenzt auf die Bundestagswahl am 27. September übertragen lassen. Außerdem hat die SPD gleichfalls keinen Grund zum Jubel, denn stärkste Partei ist sie in keinem der Länder geworden, vielmehr liegt sie im Osten deutlich auf Rang drei nach der Linken. Dass an der Saar und in Thüringen nur schwerlich Koalitionen ohne die Sozialdemokraten zustande kommen werden, ist immerhin ein Trost.

Doch wenn sich nun der Wahlkampf belebt, sich mehr und mehr Leute für die Themen, um die es tatsächlich geht, zu interessieren beginnen, wird es umso spannender. Ebenjene Leute werden recht schnell erkennen, dass das Verharren der Kanzlerin mitsamt ihrer Partei in der Präsidialaura ungefährer Konzeptlosigkeit und die irrealen Steuersenkungsversprechen der (Neo-)Liberalen nicht die richtigen Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit geben können. Je mehr es sich um Inhalte wie Arbeit der Zukunft, soziale Gerechtigkeit, Bildung und Klimawandel dreht, desto klarer wird, dass FDP und CDU mit ihrem Motto „Steuern runter und sonst keine Ahnung“ bzw. „Weiter so, womit ist egal, und vielleicht noch Steuern runter“ nicht werden punkten können. Je mehr es um die Sache gehen wird, desto mehr wird Frau Merkel ins schwitzen kommen. Sei’s drum – es sei ihr gegönnt.


Fehlende Optionen: Der Inspirationsmangel der Parteien

Tuesday, August 25. 2009

Viel könnte man schreiben zum beginnenden Wahlkampf, aus dem sich die Kanzlerin vermutlich aus Gründen der Risikoscheu, gepaart mit Konzeptlosigkeit, in präsidialer Aura vornehm zurückhält. Der Kanzlerkandidat hingegen versucht, für ambitionierte Ziele und Konzepte Aufmerksamkeit zu erhaschen, und erfährt dabei, dass die Journallie in jeder Diskussion die Kernfragen (Arbeit von morgen, Klima, Bildung, Generationengerechtigkeit) außen vorlässt, um sich stattdessen in eine Viermillionenzahl festzubeißen.
Leider fehlt mir momentan die Zeit, um meine Standpunkte ausführlich darzustellen. Deshalb greife ich heute, um überhaupt etwas beizutragen, auf Sekundärquellen zurück, und zwar auf den Politikwissenschaftler Franz Walter, der in einem inspirierenden Artikel in der Online-Ausgabe des Spiegel die Blockaden bespricht, die sich die Parteien selbst aufzuerleben bereit sind. Und das obwohl es sich, so meine These, um Nebenkriegsschauplätze handelt - nämlich um das "Wer mit wem und wie" - die Koalitionsfrage (von mir an anderer Stelle übrigens bereits gleichfalls besprochen). Walter begründet zutreffend, dass sich durch die Farbexklusionen der diversen Akteure und durch den definitiven Ausschluss von Ampel- bis Jamaikakoalitionen die Politik "jeglicher Inspiration beraubt". Bitte lesen - es lohnt sich!

Franz Walter: "Deutsche Parteien fürchten das Experiment" - Spiegel Online, 23.08.2009