Ewiges Theater?

Der Sommer ist vorbei, das zeigt uns nicht nur das Wetter. Auch das Talkshow-Business im deutschen Fernsehen hat wieder seinen Betrieb aufgenommen, und selbst der Bundestag ist wieder aus den Ferien zurück und hat in erster Lesung den nächstjährigen Haushalt beraten. Wer indes noch nicht das  Sommertheater beendet hat, ist die Bundesregierung. Es scheint bereits Routine zu sein: Kaum äußert sich ein Kabinettsmitglied zu diesem oder jenem Thema, wird ihm von seinen Koalitionskollegen heftigst widersprochen – der Begriff „Koalitionsstreit“ ist längst keine Schlagzeile mehr wert, sondern sorgt weithin für Langeweile.

Beispiel Europa: Für den FDP-Vizekanzler hat der Austritt Griechenlands aus der Eurozone den Schrecken verloren, schon wird ihm von den Außenpolitikern der Union widersprochen. Nicht schön, aber selten: CSU-General Dobrindt springt dem sonst so verhassten Koalitionspartner bei und spielt die bayerische Axt im Europawalde, schon wird er von allen zurechnungsfähigen Politikern als unzurechnungsfähig erklärt. Und womit? Mit Recht! Beispiel Mindestlohn: Während zahlreiche CDU-Ministerpräsidenten (zumal die, die sich  in Koalitionen mit findigen Köpfen aus der Sozialdemokratie befinden) inzwischen begriffen haben, dass an einer gesetzlichen  Lohnuntergrenze kein Weg mehr vorbeiführt, poltern dagegen der Besserverdienenden-Flügel (= FDP) der Regierung oder CDU-Wirtschaftsheinis aus der zweiten Reihe. Beispiel NSU-Geheimdienstskandal: Die Justizministerin fordert die Abschaffung des Militärischen Abschirmdienstes, ihr Kabinettskollege Verteidigungsminister widerspricht dem entschieden! Beispiel Frauenquote: Da sich schon die Regierungsdamen von der Leyen und Schröder (beide CDU!) nicht einig werden zwischen Pflicht- und Flexiquote, muss eine große Koalition im Bundesrat initiativ werden, damit auf dieser Baustelle endlich was passiert. Und schließlich das Beispiel Armuts- bzw. Reichtumsbericht aus dem Hause der Arbeitsministerin: Dieser belegt eindrücklich das fortschreitende Auseinanderklaffen der sozialen Schere in Deutschland, insbesondere das Schrumpfen der Mittelklasse, die steigende Zahl der materiell Benachteiligten und das gleichzeitige Anwachsen der größten Vermögen. Dreimal darf geraten werden, wen diese Problematik nicht interessiert: Richtig – den Wirtschaftsminister, der öffentlichkeitswirksam sein Veto gegen diese Faktensammlung ankündigt.

Kurzum: Was für ein Theater. Was macht die Kanzlerin? Ihr gelingt es weiterhin, die Bevölkerung glauben zu lassen , dass sie, obgleich Regierungschefin, mit dieser Chaostruppe eigentlich gar nichts zu tun hat. Chapeau! Wenn sie das weiterhin schafft, wird sie nächstes Jahr womöglich wiedergewählt. Auf dass das Theater auch nach 2013 weitergehe…

Europa voran, doch wo bleibt die Welt?

Die Lösung der finanziellen Probleme Europas ist wichtig. Doch unser Planet hat weitaus mehr Probleme, die dringend einer Lösung bedürfen. Politik, Medien und Bevölkerung müssen hierzu ihren Fokus dringend erweitern, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

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Brechet den Schlummer!

Der Kammerchor Rheinland-Pfalz gastiert am Samstag, den 28.04.2012 um 18:00 Uhr mit seinem aktuellen Konzertprogramm “Brechet den Schlummer” in der Burgkirche Ingelheim.

Mit Highlights der A-cappella-Chorliteratur wie “Mein Gott, warum hast Du mich verlassen” von Felx Mendelssohn Bartholdy, Max Bruchs “Morgengesang” oder der “Cantus Missae” (Messe in Es-Dur) von Josef Gabriel Rheinberger sowie vielen anderen Werken wird der Kammerchor Rheinland Pfalz unter der Leitung von Ronald Pelger das Publikum mit auf eine Reise durch die Geschichte der Chormusik von der Renaissance bis tief in die Romantik nehmen. (Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten).

Herzliche Einladung!

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Wolf im Westerwald? Gut so!

Jeder, der den gestrigen Eintrag an dieser Stelle aufmerksam gelesen hat, sollte sich bewusst sein, welches Datum wir gestern schrieben. Ja, es war ein Aprilscherz.

Dass freilich Gevatter Isegrim neulich im Westerwald gesichtet wurde, ist mithin keine Ente gewesen, genauso wenig wie die (erfreuliche!) Tatsache, dass es in der sächsischen Lausitz inzwischen wieder eine recht stattliche und gleichsam wachsende Wolfspopulation gibt.

Unter der Kategorie "grober Unfug" ist indes der Zusammenhang zwischen Landwirtschafts-  und Klimawandel mit den Ausbreitungstendenzen der Raubtiere zu verbuchen. Und auch meine Warnungen vor den Vorgarten-Besuchen von Luchs, Wolf und Bär entbehren selbstverständlich jeglichen Realitätsbezuges. Um es ganz klar zu sagen: Weder Wolf noch Luchs stellen je eine Gefahr für den Menschen dar. Viel zu scheu sind diese heimlichen Gesellen – jahrhundertelange Verfolgung durch den Menschen haben sie gelehrt, sich von diesem fernzuhalten. Und in der Tat gibt es – entgegen der landläufigen auf altbekannten Märchen (!) beruhenden Volksmeinung – in der Geschichte keinen einzigen stichhaltigen Beleg dafür, dass je ein Mensch einem Wolf zum Opfer fiel.

Vielmehr sollten wir uns darüber freuen, wenn Luchs und Wolf (Bären sind ein anderes Thema – welches aber auch gerade überhaupt nicht zur Debatte steht, außer solchen Sommerlochfüllseln wie Bruno vor einigen Jahren) wieder Einzug in unsere Wälder halten. Nicht nur sind sie eine willkommene Bereicherung der heimischen Säugetierfauna, auch leisten sie – sollten sie denn irgendwann mal wieder nennenswerte Populationsgrößen erreichen – einen wichtigen Beitrag zu einem gesunden Naturhaushalt. Und wenn mal ein Schaf gerissen wird, sollte man ggf. über durch Politik, Naturschutz und Landwirtschaft entwickelte Entschädigungsleistungen nachdenken.

Fazit: Willkommen Wolf – auch und gerade im Westerwald!

Viele weitere hilfreiche Informationen hat der NABU auf seinen Internetseiten Wölfe in Deutschland bereitgestellt.

Klimawandel und Öko-Landbau: Wölfe bald in unseren Vorgärten?

HINWEIS: Wer das folgende liest, muss auch das hier lesen.

Seit etwa 12 Jahren leben wieder Wölfe in Deutschland – zuletzt wurde ein streunendes Tier im Westerwald gesichtet. Kein Grund zur Panik, so hieß es bisher, denn ihre heimliche, ja gar menschenscheue Lebensweise hielt die Wölfe bisher von menschlichen Siedlungen fern. Klimawandel und veränderte Lebensräume stellen jedoch eine Kombination von Faktoren dar, die womöglich auch das Verhalten der Raubtiere ändert. Und dies könnte in der Tat Anlass zur Sorge geben!

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Mobil im Tümpel

Libellen können fliegen. Diese Binsenweisheit sollte allgemein bekannt sein. Doch reichen die Flugkünste von Binsenjungfer, Blaupfeil und Plattbauch aus, um dem dräuenden Klimawandel auszuweichen? Dieser Frage bin ich in einer jüngst im Fachmagazin Biology Letters der Royal Society erschienenen Studie nachgegangen. Es stellte sich heraus, dass Libellenarten, deren Larven in Tümpeln und Teichen leben, mit dem Klimawandel besser zurechtkommen als ihre in Bächen und Flüssen lebenden Artgenossen. Für die Untersuchung, die das Resultat eines Kooperationsprojektes mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Dänemark, Spanien und Mexiko, hatten wir anhand von Artverbreitungsmodellen das tatsächliche und potenzielle Vorkommen europäischer Libellenarten in 2006 mit dem Jahr 1988 verglichen. Besonders freut mich freilich, dass nationale (z.B. die Frankfurter Rundschau) und internationale Medien (z.B. Science Daily) unsere Ergebnisse aufgegriffen haben.

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Denn sie tun nicht, was sie wissen.

Aber warum?! – Weil selbst die klügsten Köpfe der Nation sich nicht einig darüber werden, wie das Richtige erreicht werden kann. So könnte das Fazit der Podiumsdiskussion “Warum fällt es uns so schwer, das Richtige zu tun?” aussehen, welche als Schluss-Highlight die Veranstaltungsreihe “Wie wollen wir leben?” des Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (BiK-F) beendete. Mindestens von hohem Entertainmentwert war die Debatte, insbesondere die Beiträge von Hans Werner Sinn (München) und Harald Welzer (Essen).

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Nicht der große Wulff

In den Umfragen sinken die Kompetenzwerte des Bundespräsidenten hinter die von Guido Westerwelle. Das Maß ist voll. Herr Wulff, erlösen Sie uns!

Seit Wochen (gefühlt eher Monaten) erfreut sich die deutsche Medienöffentlichkeit vor allem an einem Thema: Den Leiden des Bundespräsidenten. Die gemeine Journallie hetzt den armen Wulff, auf dass seinen Schafspelz zu verlieren droht. Nicht ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Bobbycar durchs Dorf gerollt, ein neuer Kredit verspielt, ein alter Hut in neue Skandalschläuche verpresst wird.

Nach seiner Wahl dachte ich, wie viele andere auch: Hm, der große Wulff ist es nicht, aber auch nicht der Super-Gauck. Oder mit anderen Worten: Geben wir dem Mann mal ‘ne Chance. Und ja, ganz offen gestanden habe ich, als das Theater losging, auch gedacht: "Herrschaften, nun lasst ihn doch in Ruh’." Einen billigen Kredit in Anspruch genommen? Schwamm drüber. Dem Landtag dazu die vollständige Sachlage vorenthalten? Fehler machen auch Politiker mal. Ein Flug-Upgrade von der Holz- in die Businessklasse akzeptiert? Wer würde sich darüber nicht freuen. Die Mailbox-Nachricht beim Bild-Chefredakteur? Im emotionalen Affekt in der Hitze Arabiens wortgewordene Blödheit.

Und auch all die geschenkten Bobbycars, unentgeltlich geliehenen Kleider, Urlaube in den Gästezimmern (oder eher Gäste-Villen) von Freunden: Sie sind mir egal. Oder nein, inzwischen sage ich: Sie wären mir egal.

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Relaunch

Ein Jahr ohne Eintrag. Wie konnte das passieren? 2011 ist tatsächlich ohne jeglichen Text auf den Vogelwart-Seiten zu Ende gegangen. Freilich, wie für das Jahr selbst waren auch für den Autor die Zeiten ereignisreiche: Der Wechsel vom dänischen Nachbar- zurück ins deutsche Heimatland, der Neustart beruflicher Art, der Umzug in die Mainmetropole, Reisen ins mittelamerikanische und südostasiatische Ausland, die stress- aber erfolgreiche Publikation diverser wissenschaftlicher Artikel u.a. im Fachblatt “Nature” und verschiedene besondere andere Umstände dieser oder jener Natur brachten mangelnde Muße mit sich. Und unter diesem Mangel darbte der Blog.

Eigentlich schade drum, war doch 2011 an kommentierenswerten Ereignissen reich wie kaum ein anderes Jahr. Ein kurzer, rückblickender Rundumschlag:

In Arabien ist eine ganze Führungsriege von Diktatoren und Despoten abgetreten (worden) und es keimen hoffnungsfrohe demokratische Pflänzchen.

Der Hoffnungsträger der deutschen Politik, Freiherr zu Guttenberg, verließ sein Ministerium und ist weg über den großen Teich – vorerst (oder inzwischen endgültig?) gescheitert. An Fußnoten. Oder doch wohl eher an Überforderung im Amt und allem anderen?

Derweil steht nicht nur das Guttenbergsche Schloss, sondern auch “Wetten, dass…?” herrenlos da: Gottschalk ging, und seither rätselt und bangt das Land über und um einen Nachfolger. Die Ablenkung sei ihm gegönnt. Dem Land, nicht Gottschalk. Obwohl… – dem eigentlich auch.

Wie dem auch sei, Ablenkung tat nämlich not, und zwar ob der Krisenstimmung, die tagaus, tagein, verbreitet wurde. Mindestens von der Kanzlerin, die das ganze Jahr über Gipfel zu Gipfel eilte. Zur Rettung des Euro, der Griechen, des Finanzsystems. Sie lernte den europäischen Partnern endlich mal deutsch (Zitat Kauder), zumal beim Sparen. Und der Finanzminister macht bei sprudelnden Steuereinnahmen milliardenhoch neue Schulden. Wenn das keine politische Konsequenz ist!

Immerhin eine positive Konsequenz hatte die europäische Staatsschuldenkrise: Bunga-Bunga-Berlusconi musste seinen Hut nehmen. Zu hoffen bleibt, dass es ihm nun nicht mehr gelingt, sich der italienischen Justiz zu entwinden!

Winden – was fällt einem da noch ein im Politiktheater? Na, die FDP! Sie windet sich nämlich konstant unter der Fünfprozenthürde durch. Westerwelle weg, Rösler da, und schon ist der Liberalen größte Sorge, bei der nächsten Wahl nicht unter “Sonstige” geführt zu werden. Sie können einem fast leidtun – vom Regen unter Umgehung der Traufe in die Totalscheiße sozusagen…

Das dachten auch die Japaner – Erdbeben, Tsunami, Super-GAU. Ein gutes hatte letzterer aber (wobei dies freilich in keinem Verhältnis zu den Unglücken in Japan steht – dies sei hier betont): Er brachte uns eine Energiewende (wobei der im Frühjahr gestartete Tiger schon wieder als Bettvorleger gelandet zu sein scheint), und Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten. Der muss zwar nun zur Strafe trotzdem Stuttgarts Bahnhof verbuddeln, aber sei’s drum…

Auch große Persönlichkeiten mussten unter die Erde 2011. Erwähnt sei hier nur der Vertreter feinsinnigsten deutschen Humors, von dem die Fangemeinde Abschied nehmen musste: Loriot wird uns fehlen. Um ganz in seinem ureigenen Duktus zu bleiben: Ein Leben ohne ihn ist möglich, aber sinnlos.

Sinnlos freilich auch, dass Bundespräsident Wulff immer noch im Amt ist – aber möglich. Schauen wir mal, wie lange noch.

Ganz in diesem Sinne hoffe ich, dass 2012 ein paar mehr Beiträge zu den Themen Politik, Kultur, Natur und Wissenschaft den Weg auf den Vogelwart-Blog finden – und seien es nur je ein paar Zeilen. Themen gibt es schließlich reichlich – da bin ich angesichts dieser Bundesregierung und der sonstigen Weltlage ganz und gar nicht bange…

 

Irrfahrt ins Weihnachtsfest

Das Jahr geht zu Ende, die Weihnachtsfeiertage sind bewältigt, und der Vogelwart liegt mit einer wieder aufgeflammten Grippe im Bett. Das gibt ihm die Gelegenheit, der geschätzten Leserschaft Bericht zu erstatten über die Erlebnisse seiner Fahrt von der dänischen Hauptstadt ins westfälische Herford, in dessen Nähe die diesjährigen Festtäglichkeiten stattfinden sollten. Die Fahrt war veranschlagt für den 23.12., die Abfahrt Kopenhagen für 11:44, die Ankunft in Herford um 18:42 Uhr des selben Tages, die gesamte Fahrt also für etwa sieben Stunden. Wie sich die Fahrzeit mirnichts, dirnichts verdreifachte, davon möchte ich im Folgenden berichten.

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