{"id":107,"date":"2008-04-12T22:47:07","date_gmt":"2008-04-12T22:47:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelwart.de\/?p=107"},"modified":"2021-08-06T21:44:17","modified_gmt":"2021-08-06T19:44:17","slug":"kapitalismus-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/2008\/04\/12\/kapitalismus-in-der-krise\/","title":{"rendered":"Kapitalismus in der Krise"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"justify\">Ein Beitrag zu Thomas Assheuers gro\u00dfartigem Artikel &quot;Der gro\u00dfe Ausverkauf&quot;.<\/h3>\n<p align=\"justify\">&quot;Endlich einer, der die Dinge scharfz\u00fcngig und auf dem Punkt beim Namen nennt&quot; &#8211; das k\u00f6nnte man nach dem Lesen von Thomas Assheuers Kapitalismuskritik denken. Schl\u00fcssig stellt er in seinem brillianten Text dar, worin viele der derzeitigen gesellschaftlichen Probleme ihre Ursache finden: Im Versagen unseres Wirtschaftssystems, seine eigenen Versprechen einzul\u00f6sen. Begeistert von seinem Artikel kam ich nicht umhin, einen Leserbrief zu verfassen, der in gek\u00fcrzter Fassung in der ZEIT-Ausgabe vom vergangenen Donnerstag zu lesen ist. Weiter unten findet sich, nach den wichtigsten Ausz\u00fcgen aus dem Original-Artikel, ein etwas ausf\u00fchrlicherer Kommentar aus meiner eigenen Feder.<\/p>\n<p><b><i>Der vollst\u00e4ndige Artikel von Thomas Assheuer findet sich <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/14\/Vertrauenskrise-Kapitalismus\">im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT &#8211; Ausgabe Nr. 14 vom 27. M\u00e4rz 2008 (S. 49-50).<\/a><\/i><\/b><\/p>\n<p \/>\n<!--more--><\/p>\n<h3>&quot;Es geht um die Legitimit\u00e4t der Wirtschaftsform insgesamt&quot; &#8211; Eine Auswahl wichtiger Zitate aus Assheuers Artikel<\/h3>\n<div align=\"justify\">\n<ul>\n<li><i>Der Kapitalismus wirbt mit einer tr\u00fcgerischen Verhei\u00dfung. Sie lautet: Folge meinem Gesetz, gehe ein Risiko ein, und du wirst reich belohnt.<\/i><\/li>\n<li><i>Man muss kein Marxist sein, um zu sehen, dass es um die kapitalistische Verhei\u00dfung derzeit nicht gut bestellt ist.<\/i><\/li>\n<li><i>Tats\u00e4chlich w\u00e4chst heute beides gleichzeitig, sowohl die Rendite wie auch die Unterschicht.<\/i><\/li>\n<li><i>Bekanntlich beschweren sich konservative wie neuliberale Intellektuelle gern dar\u00fcber, das linke Gift von Gleichheit und Gerechtigkeit l\u00e4hme kreative Energien und werfe Deutschland im Standort-Roulette auf hintere Pl\u00e4tze zur\u00fcck. Das war schon immer ein Ger\u00fccht, nun ist es eine Falschmeldung.<\/i><\/li>\n<li><i>Eine wachsende Klasse von Selbstbereicherern kommt in den Genuss fl\u00e4chendeckender Steuersenkungen und bildet eine risikoarme Parallelgesellschaft mit eigenen Kinderg\u00e4rten, eigenen Schulen und eigenen Universit\u00e4ten. \u00bbGanz unten\u00ab dagegen, bei den Chancenlosen, klingelt der Vollzugsbeamte und schn\u00fcffelt an der Matratze, ob der Hartz-IV-Empf\u00e4nger eine rechtlich anst\u00f6\u00dfige Bedarfsgemeinschaft mit einer staatsfinanzierten Leidensgenossin unterh\u00e4lt.<\/i><\/li>\n<li><i>Die s\u00e4kulare Utopie des Marktes (&quot;Wohlstand f\u00fcr alle&quot;) zerf\u00e4llt ebenso wie die Schulbuch-Weisheit, M\u00e4rkte seien per se effizient und gerecht.<\/i><\/li>\n<li><i>Ist es nicht eine kapitalistische Pathologie, dass eine \u00fcberhitzte Zugewinngesellschaft die Welt mit Reicht\u00fcmern vollstopft, w\u00e4hrend im Schatten ihrer ma\u00dflosen Glitzerpal\u00e4ste Kinder- und Altersarmut wachsen?<\/i><\/li>\n<li><i>Es geht um die Legitimit\u00e4t der Wirtschaftsform insgesamt.<\/i><\/li>\n<li><i>Was einmal &quot;heiliger&quot; Fortschritt hie\u00df, das ist auf eine profane Innovation zusammengeschnurrt. Der n\u00e4chste Rasierapparat hat vier statt drei Klingen, vermutlich mit Innenbeleuchtung inklusive Radio und Rauchmelder.<\/i><\/li>\n<li><i>Nachdem die digitale Revolution durchgesetzt ist, n\u00e4hrt nur noch die Umwelttechnologie stille Hoffnungen, besteht ihr Fortschritt doch darin, die Folgen des Fortschritts abzumildern.<\/i><\/li>\n<li><i>Wo fr\u00fcher die Schalmeienkl\u00e4nge der Fortschrittsreligion erklangen, da t\u00f6nt heute der metallische Sound des Sachzwangs<\/i><\/li>\n<li><i>Wie man wei\u00df, besitzt der Kapitalismus ein gro\u00dfes Talent daf\u00fcr, die sozialen und seelischen Nebenkosten seiner Selbstentfaltung abzuw\u00e4lzen und unsichtbar zu machen. In Krisentagen ist stets jemand anderes schuld, zum Beispiel die Tr\u00e4gheit der Seelen oder die Selbstsucht des Managers, die saumselige Gesellschaft oder der faule Arbeitslose. Wahlweise auch die mimosenhafte Natur, die auf zarte Ausbeutungsversuche hysterisch mit einer Klimakatastrophe reagiert.<\/i><\/li>\n<li><i>Doch wer sagt eigentlich, dass westliche Demokratien [&#8230;] auf die Freiheit setzen, um dem autorit\u00e4ren Ausbeutungskapitalismus Paroli zu bieten? Es k\u00f6nnte auch ganz anders kommen. Politische Eliten und rechte Intellektuelle k\u00f6nnten aus der \u00f6konomisch verursachten Legitimationskrise der Demokratie die Lehre ziehen, dass auch der liberale Kapitalismus endlich autorit\u00e4rer werden und durch Demokratieverzicht neue \u00f6konomische Triebkr\u00e4fte entfesseln muss.<\/i><\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<h3>Es bleiben Fragen! &#8211; Der Vogelwart-Kommentar<\/h3>\n<p align=\"justify\">Bei aller Begeisterung zu diesem gro\u00dfartigen Artikel bleiben zwei wichtige Fragen. Wieso mangelt es, erstens, der Mehrheit der publizistischen Beitr\u00e4ge an solch tiefgr\u00fcndig analytischem Scharfsinn? Studiert man die Politik- und Wirtschaftsseiten selbst der ZEIT regelm\u00e4\u00dfig, so finden sich doch erschreckend viele Texte, die dem &quot;metallischen Sound des Sachzwangs&quot; mit Pauken und Trompeten den Marsch blasen, wenn sie nicht gerade weitere kostbare Zeilen z.B. an vermeintliche Parteikrisen oder an Interviews mit dem Polit-Orakel Harald Schmidt verschwenden. Assheuer geh\u00f6rt auf die Titelseite, Schmidt ins Feuilleton! <\/p>\n<p align=\"justify\">Und warum lassen wird, zweitens, zugelassen, dass sich die Akteure in Politik und Wirtschaft erst gar nicht fragen (lassen) m\u00fcssen, welche L\u00f6sungen sie angesichts der himmelsschreienden Missst\u00e4nde anbieten? Thomas Assheuer hat die Probleme erfrischend und unumwunden beim Namen genannt und weist den Weg zur Systemfrage. Zu hoffen ist, dass im aktuellen politischen Spektrum niemand diesen Weg mitgehen will. Doch auch und gerade dann: Grund genug, dass die Verantwortlichen bei allem l\u00e4stigen Tagesgesch\u00e4ft beginnen, weiter zu denken! Und zwar dar\u00fcber, wie sich eben ohne weitere Fu\u00dftritte auf Freiheit und Gerechtigkeit, sondern vielmehr mit einer St\u00e4rkung derselben, der Kapitalismus weiterentwickeln l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag zu Thomas Assheuers gro\u00dfartigem Artikel &quot;Der gro\u00dfe Ausverkauf&quot;. &quot;Endlich einer, der die Dinge scharfz\u00fcngig und auf dem Punkt beim Namen nennt&quot; &#8211; das k\u00f6nnte man nach dem Lesen von Thomas Assheuers Kapitalismuskritik denken. Schl\u00fcssig stellt er in seinem brillianten Text dar, worin viele der derzeitigen gesellschaftlichen Probleme ihre Ursache finden: Im Versagen unseres &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/2008\/04\/12\/kapitalismus-in-der-krise\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">&#8220;Kapitalismus in der Krise&#8221;<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":882,"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions\/882"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}