{"id":116,"date":"2008-11-02T22:47:32","date_gmt":"2008-11-02T22:47:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelwart.de\/?p=116"},"modified":"2021-08-06T21:44:17","modified_gmt":"2021-08-06T19:44:17","slug":"nun-amtlich-soziale-selektion-durch-studiengebuehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/2008\/11\/02\/nun-amtlich-soziale-selektion-durch-studiengebuehren\/","title":{"rendered":"Nun amtlich: Soziale Selektion durch Studiengeb\u00fchren"},"content":{"rendered":"<p>Endlich hat das Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) die Studie des Hochschul-Informationssystems (HIS) &quot;freigegeben&quot; (<a href=\"http:\/\/www.vogelwart.de\/index.php?\/archives\/112-Raus-damit,-Schluss-damit!-Ein-aktuelles-Studiengebuehren-Schlaglicht.html\">die Unterverschlusshaltung des Werks thematisierte ich bereits)<\/a>. Jedem und jeder an Hochschul-, Bildungs- und Sozialpolitik Interessierten sei mindestens die Zusammenfassung der offenbar au\u00dferordentlich fundierten und emotionsfreien wie statistisch untermauerten Untersuchung ans Herz gelegt. Ausdr\u00fccklich zu betonen ist, dass es sich um eine repr\u00e4sentative Studie handelt, was letztendlich bedeutet, dass die Ergebnisse f\u00fcr <i>alle <\/i>Studienanf\u00e4nger des Jahrgangs 2006\/2007 Aussagekraft besitzen. Drei Zitate aus der Zusammenfassung der HIS-Studie seien hier angef\u00fchrt, bevor ich mich einem Kommentar zum Kommentar eines gesch\u00e4tzten Marburger Kollegen zu meinem letzten Beitrag widme. <\/p>\n<div align=\"justify\">\n<ul>\n<li>Zitat Nr. 1: &quot;Durch die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren verzichtet eine nennenswerte Zahl von Studienberechtigten auf das urspr\u00fcnglich beabsichtigte Studium (Jahrgang 2006: zwischen 6.000 und 18.000). Insbesondere Frauen und Studienberechtigte aus hochschulfernen Elternh\u00e4usern entscheidensich aufgrund von Studiengeb\u00fchren gegen ein Studium.&quot; (S. 1) <\/li>\n<li>Zitat Nr. 2: &quot;Finanzielle Restriktionen bilden eine zentrale Motivgruppe unter den Gr\u00fcnden, die von der Aufnahme eines Studiums abhalten.&quot; (S. 2)<\/li>\n<li>Zitat Nr. 3: &quot;Studienberechtigte, von denen mindestens ein Elternteil ein Universit\u00e4tsstudium abgeschlossen hat, lassen sich von Studiengeb\u00fchren deutlich seltener in ihrer Hochschulwahl beeinflussen als Studienberechtigte anderer sozialer Herkunftsgruppen.&quot; (S. 2)<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<div align=\"justify\">\n<p>Allein diese drei zusammenfassenden Aussagen sind ein schwarz auf wei\u00df dokumentiertes Desaster f\u00fcr die<br \/>\nPolitik des BMBF, der Ministerin und vieler ihrer schwarzen und gelben Kollegen<br \/>\nin den L\u00e4ndern. Und freilich erw\u00e4hnt\u00a0 die <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/_media\/press\/pm_20081031-187.pdf\">Pressemitteilung des Ministeriums<\/a> die nun belegte sozialselektive Wirkung der Geb\u00fchren nat\u00fcrlich in keiner Weise &#8211; der Titel der Pressemitteilung &quot;Studierende erwarten Qualit\u00e4t f\u00fcrs Geld&quot; entbehrt nicht einer gewissen Armseligkeit. Der Bewertung jenes Pressetextes einer gleichfalls gesch\u00e4tzten Kollegin aus meinen aktiven hochschulpolitischen Zeiten, &quot;Man kann sich auch alles sch\u00f6nreden&quot;, ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die HIS-Studie <i>&quot;Studiengeb\u00fchren aus der Sicht von Studienberechtigten. &#8211; Finanzierung und Auswirkungen auf Studienpl\u00e4ne und -strategien&quot;<\/i> kann <a href=\"http:\/\/www.his.de\/pdf\/pub_fh\/fh-200815.pdf\"><b>HIER <\/b><\/a>in vollem Umfang heruntergeladen und nachgelesen werden.<\/p>\n<p>Und nun zum Kommentar zum Kommentar:<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><i>[Der Einfachheit halber antworte ich direkt zu den Anmerkungen des Kollegen JochenB, welche ich <\/i>kursiv <i>gestellt habe.]<\/i><\/p>\n<p><i>&quot;Wenn diese Studie zeigt, dass Kinder aus armen Familien im Vergleich zu Kindern aus reichen Familien von Teilen des Bildungssystems ausgeschlossen werden, w\u00e4re dies ein besorgniserregendes Ergebnis.&quot;<\/i><\/p>\n<p>Was aus der damaligen Pressemeldung in der Tat nicht hervorgehen konnte, ist aus meiner Sicht nun belegt. Und ich stimme mit Nachdruck zu: Das ist ein besorgniserregendes Ergebnis.<\/p>\n<p><i>&quot;Ein allgemeiner R\u00fcckgang der Neuimmatrikulationen ist grunds\u00e4tzlich nicht negativ. Ich habe zu viele Studenten gebremst, die das Studium offensichtlich als \u201eParkbank des Lebens\u201c oder Bespassung auf staatliche Kosten angesehen haben. Wenn dieser Teil der Studenten sich nun gegen ein Studium entscheidet, ist das sogar sehr positiv f\u00fcr die Ausbildung an Universt\u00e4ten. Vielleicht erkennen auch immer mehr junge Menschen, dass die universit\u00e4re Ausbildung in Deutschland, welche quasi unver\u00e4ndert zum Konzept im 19. Jahrhundert ist, keine adequate Vorbereitung f\u00fcr ein Leben und eine Karriere im 21. Jahrhundert ist. Auch dies w\u00e4re eine sehr positive Entwicklung. Welche Qualifikation erreicht man in Deutschland durch einen Bachelor-Abschluss? Diese 2 Jahre kann man besser investieren.&quot;<\/i><\/p>\n<p><i><\/i>Zun\u00e4chst einmal: Es sind doch normalerweise immerhin 3 Jahre f\u00fcr einen Bachelor-Abschluss. \u00dcber die Vor- und Nachteile des Bachelor-Master-Systems oder gar die Funktion(sf\u00e4higkeit) universit\u00e4rer (Aus-)Bildung zu debattieren, w\u00fcrde hier den Rahmen sprengen. Fakt ist jedoch, dass alle Politiker, auch diejenigen mit Unions- oder FDP-Parteibuch, die Forderung nach einer Erh\u00f6hung der relativen Studierendenzahlen wie eine Monstranz vor sich hertragen. Dies mag man bewerten, wie man will. Nehmen wir jedoch einmal an, dass dies ein erstrebenswertes Ziel sei. Wenn man weiterhin davon ausgeht, dass der Studierendenanteil an den Schulabsolventen aus akademischen bzw. sozial und materiell besser gestellten Elternh\u00e4usern bereits &quot;ausgereizt&quot; ist, muss man gezielt auf die &quot;Bed\u00fcrfnisse&quot; derer eingehen, die sich bisher nicht f\u00fcr ein Studium entscheiden. Und da dies wiederum ebenjene sind, deren Finanzpolster elterlicherseits eher d\u00fcrftig ausf\u00e4llt, wirken die Geb\u00fchren doppelt kontraproduktiv. Doch selbst wenn wir davon ausgehen w\u00fcrden (und ich tendiere nicht dazu), dass nur wenige, die dann entsprechend geeignet sein sollten, zu den wahren universit\u00e4ren Weihen gelangen sollen, dann ist doch wohl klar, dass diese Auswahl nicht vom Geldbeutel der Eltern abh\u00e4ngen sollte &#8211; wie Du ja selbst sagst. Doch auch f\u00fcr eine solche &quot;Bestenauslese&quot; ist \u00fcbrigens inzwischen belegt, dass alle m\u00f6glichen Auswahlverfahren wie Motivationsschreiben, Auswahlgespr\u00e4che etc. pp., wie sie f\u00fcr viele der zumeist zugangsbeschr\u00e4nkten &quot;innovativen&quot; Master-Studienprogramme vorgesehen sind, wiederum klar diejenigen bevorzugen, die aus &quot;besserem&quot; Hause sind und aufgrund ihrer dort erlernten Umgangsformen den professoralen Erwartungshorizonten innerhalb der Auswahlgremien eher gen\u00fcgen. Hierauf nun noch ausf\u00fchrlicher einzugehen w\u00fcrde allerdings endg\u00fcltig den Rahmen sprengen&#8230;<\/p>\n<p><i>&quot;Wenden wir unseren Blick doch von dem relativ kurzfristigen Experiment &#8216;Studiengeb\u00fchren&#8217; zum Langzeitexperiment Baf\u00f6g. Wenn finanzielle Aspekte die Bildungschancen beeinflussen, warum hat Baf\u00f6g dann nicht dazu gef\u00fchrt, dass in Deutschland mehr Menschen aus armen Familien studieren als in L\u00e4ndern ohne Baf\u00f6g-Systeme und sogar Studiengeb\u00fchren? Grunds\u00e4tzlich sind wir doch einer Meinung: Der Zugang zu Bildung sollte nicht vom Verm\u00f6gen der Eltern abh\u00e4ngen. Allerdings liegt die L\u00f6sung zu diesem Problem nicht in solchen simplen Faktoren wie Baf\u00f6g oder Studiengeb\u00fchren. Die Benachteiligung von Armen ist wohl eher ein Grundpfeiler des kapitalistischen Systems und mit einigen kosmetischen Eingriffen (z.B. keine Studiengeb\u00fchren) nicht aus der Welt zu r\u00e4umen.&quot;<\/i><\/p>\n<p><i><\/i>Ich stimme Dir zu, dass BAf\u00f6G und der Verzicht auf Studiengeb\u00fchren nicht ausgleichen k\u00f6nnen, was in fr\u00fcheren Jahren verbockt wird. Doch eben diese Verbockungen auszugleichen, und zwar fr\u00fch genug &#8211; mit kostenfreier fr\u00fchkindlicher Bildung, Ausgleich von durch Migrationshintergr\u00fcnde bedingten Benachteiligungen, l\u00e4ngeres, gemeinsames Lernen in kleinen Klassen mit motivierten und besser ausgebildeten Lehrern, Einzelf\u00f6rderungen bei erkannten Defiziten &#8211; muss das Ziel aller sein, denen an einem funktionierenden Gemeinwesen auch langfristig liegt. Die Politik beginnt dies immerhin in ihren Worth\u00fclsen zu begreifen, und es ist zu hoffen, dass denen auch baldm\u00f6glichst Taten folgen werden. Doch auf all die bisher vorhandenen Defizite auch noch eine Campus-Maut draufzusatteln hilft ja nun wirklich niemandem. Nicht dem kapitalistischen System, nicht dem Gemeinwesen und nicht dem oder der Einzelnen. Die Aussage &quot;Der Kapitalismus bringt nunmal Ungleichheiten mit Gewinnern und Verlierern&quot; habe ich schon oft geh\u00f6rt, und ich bin nicht bereit, sie als Grundkonstante einer demokratischen, solidarischen Gesellschaft hinzunehmen. Vielmehr muss das System (und ich bin der letzte, der den Kapitalismus, oder sagen wir besser: die soziale Marktwirtschaft, im Grundsatz abschaffen oder umst\u00fcrzen will) dahingehend ver\u00e4ndert werden, dass es dem Ausgleich zwischen den Bed\u00fcrfnissen des Gemeinwesens und des Einzelnen gerecht wird. Doch auch das ist ein zu weites Feld an dieser Stelle&#8230;<\/p>\n<p><i>&quot;Ich bin nat\u00fcrlich auch gegen Studiengeb\u00fchren in der jetzigen Form, d.h. L\u00e4nder stopfen mit den Geb\u00fchren Haushaltsl\u00f6cher und das Geld kommt nicht der Ausbildung zu Gute. Wenn Studiengeb\u00fchren in eine Verbesserung der Ausbildung investiert und diese Investition j\u00e4hrlich transparent gemacht w\u00fcrden, dann w\u00fcrde ich Studiengeb\u00fchren nach wie vor bef\u00fcrworten.&quot;<\/i><\/p>\n<p><i><\/i>Nun muss man hierzu anmerken, dass es tats\u00e4chlich so ist, dass der allergr\u00f6\u00dfte Anteil an den Geb\u00fchren den Hochschulen direkt zuflie\u00dft. In den Universit\u00e4ten versickert ein ordentlicher Anteil der Gelder allerdings in den \u00fcblichen administrativen Verschlingungen oder, wie mir der Prorektor der Uni Bonn im Rahmen einer Studiengangsakkreditierung mal offen sagte, &quot;man findet Wege rheinischer Art, die Geb\u00fchren von der Lehre in andere Kan\u00e4le zu schleusen&quot;. Wie dem auch sei, trotzdem kommt ein Gro\u00dfteil der Geb\u00fchren in den Fachbereichen an &#8211; jede Abstellkammer verf\u00fcgt doch inzwischen \u00fcber Beamer, Laptop und Mikrofonanlage. Personal dagegen, also das, worauf es eigentlich ankommt, ist schwieriger zu finanzieren aus Gr\u00fcnden der Vorgaben der Kapazit\u00e4tsverordnung, was dazu f\u00fchrt, dass sich beim 50. Beamer und 10. Computerpool irgendwann die Sinnfrage stellt, w\u00e4hrend Seminare und Vorlesungen nach wie vor aus allen N\u00e4hten platzen. Doch auch hier gilt: Dies in der gebotenen Ausf\u00fchrlichkeit zu diskutieren w\u00fcrde hier bei weitem zu weit f\u00fchren.<\/p>\n<p \/><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich hat das Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) die Studie des Hochschul-Informationssystems (HIS) &quot;freigegeben&quot; (die Unterverschlusshaltung des Werks thematisierte ich bereits). Jedem und jeder an Hochschul-, Bildungs- und Sozialpolitik Interessierten sei mindestens die Zusammenfassung der offenbar au\u00dferordentlich fundierten und emotionsfreien wie statistisch untermauerten Untersuchung ans Herz gelegt. 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