{"id":144,"date":"2012-06-30T23:15:36","date_gmt":"2012-06-30T23:15:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelwart.de\/?p=144"},"modified":"2021-08-06T21:44:16","modified_gmt":"2021-08-06T19:44:16","slug":"europa-voran-doch-wo-bleibt-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/2012\/06\/30\/europa-voran-doch-wo-bleibt-die-welt\/","title":{"rendered":"Europa voran, doch wo bleibt die Welt?"},"content":{"rendered":"<p><b>Die L\u00f6sung der finanziellen Probleme Europas ist wichtig. Doch unser Planet hat weitaus mehr Probleme, die dringend einer L\u00f6sung bed\u00fcrfen. Politik, Medien und Bev\u00f6lkerung m\u00fcssen hierzu ihren Fokus dringend erweitern, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.<\/b><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nach langer und emotionaler Debatte haben gestern der Bundestag wie der Bundesrat die umfassenden Gesetzeswerke zum europ\u00e4ischen Fiskalpakt und zum Europ\u00e4ischen Stabilit\u00e4tsmechanismus verabschiedet. Damit geht Europa sicher einen weiteren, nicht unerheblichen Schritt in die richtige Richtung, wenngleich Zweifel bleiben, ob alles Notwendige entschieden wurde und alle\u00a0 Entscheidungen notwendig waren. Dass freilich in der vorangegangenen Nacht diverse Br\u00fcsseler Beschl\u00fcsse der Staats- und Regierungschefs Europas so manchen Paragraphen der anschlie\u00dfend durch die deutschen Parlamentskammern gebrachten Rechtswerke bereits wieder \u00fcber den Haufen geworfen haben, sei hier nur als Fu\u00dfnote erw\u00e4hnt und soll hier nicht das Thema sein.<\/p>\n<p>Was mich viel mehr besorgt, ist die seit Monaten, ja beinah Jahren stattfindende Einengung des Blickwinkels von Medien und Politik\u00a0 auf ein einziges Thema: die fiskalischen Angelegenheiten der EU bzw. Eurolands. Es sind wichtige Dinge, die da besprochen und beschlossen werden &#8211; zugestanden! Ja, sie betreffen uns alle, insbesondere im Lichte der langfristigen Perspektive des &quot;Wohin mit dem Haus Europa&quot;. Doch gibt es nicht noch anderes, was die Welt bewegt? Keine Woche vergeht, ohne dass Griechenland abermals gerettet, Spanien gest\u00fctzt, Bankenpakete geschn\u00fcrt, Rettungsfonds gef\u00fcllt und der Euro &#8211; mal wieder &#8211; stabilisiert wird. Die Kanzlerin eilt von Gipfel zu Gipfel, pendelt zwischen Berlin, Mexiko (G20-Gipfel), Br\u00fcssel, Rom und wieder Berlin und scheint in mehreren Fliegern gleichzeitig zu sitzen, um ihr Finanzbeschlusspensum bew\u00e4ltigen. Respekt geb\u00fchrt ihr f\u00fcr dieses Pensum &#8211; wenn auch nicht unbedingt f\u00fcr den Inhalt dessen, was sie gestern so, heute so, morgen so, vertritt&#8230; Noch mehr Respekt h\u00e4tte ihr geb\u00fchrt, und damit w\u00e4ren wir bei den Dingen, die die Welt tats\u00e4chlich sonst noch bewegen, wenn sie sie sich auch woanders h\u00e4tte blicken lassen, und wo man gerne insgesamt mehr einflussreiche Staatschefs gesehen h\u00e4tte: In Rio de Janeiro.<\/p>\n<p>Hier traf man sich j\u00fcngst zum Gipfel &quot;Rio +20&quot;, einer Neuauflage des Erdgipfels von 1992, wo vor 20 Jahren mit gro\u00dfem Elan und ja, man kann sagen in enthusiastischer Aufbruchsstimmung, die M\u00e4chtigen der Welt zusammenkamen. Hier wurde etwa mit der Konvention \u00fcber die Biologische Vielfalt die Absicht der Bek\u00e4mpfung des Artenr\u00fcckgangs und des Schutzes der nat\u00fcrlichen Lebensr\u00e4ume in ein internationales Vertragswerk gossen. Hier wurde darum gerungen, den Begriff der nachhaltigen Entwicklung mit Leben zu f\u00fcllen, und damit um Versuch, ein Bewusstsein daf\u00fcr zu schaffen, dass wir dem wirtschaftlichen Wachstum nicht weiterhin die Zukunft kommender Generationen opfern d\u00fcrfen. <\/p>\n<p>Und zwanzig Jahre sp\u00e4ter? Der Raubbau an den \u00d6kosystemen &#8211; beispielsweise an den tropischen W\u00e4ldern oder den Fischbest\u00e4nden der Weltmeere, geht uneingeschr\u00e4nkt voran; das Klimasystem ist l\u00e4ngst aus dem Gleichgewicht und man geht bei der globalen Erw\u00e4rmung von den schlimmsten Szenarien f\u00fcr das Ende des Jahrhunderts aus; \u00d6l und Kohle, organische Stoffe, die in Jahrmillionen entstanden sind und als fossile Energietr\u00e4ger den Weg unter die Erdoberfl\u00e4che fanden, werden in nach wie vor steigenden Raten in Form von Treibhausgasen die Atmosph\u00e4re verbracht; von nachhaltiger Ressourcennutzung keine Spur. Diese Liste lie\u00dfe sich schier endlos fortsetzen. Nachhaltigkeit, ein Konzept, f\u00fcr das man die globale, langfristige Perspektive braucht, ist aus der Mode, das Bewusstsein f\u00fcr die Vernichtung der biologischen Vielfalt, der Lebensr\u00e4ume und somit letztlich unserer eigenen nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen, schon gar. Dass Angela Merkel sich nicht nach Brasilien bem\u00fchte (ebensowenig wie \u00fcbrigens Barack Obama oder viele andere Staatenlenker), zeigt, wo die sie die Priorit\u00e4ten setz. Die Aufmerksamkeiten liegen woanders. Doch nicht nur die der Politik und der von ihnen gelenkten Geldstr\u00f6me (<a href=\"http:\/\/www.tomicek.de\/a_karikaturen\/a1_aktuellekarikaturen\/120618b\/120618b_f_g.html \">eine treffende Darstellung ebenjenes Ph\u00e4nomens ist \u00fcbrigens J\u00fcrgen Tomicek gelungen.<\/a>)<\/p>\n<p>Nein, auch die Medien und mutma\u00dflich ebenso die breite Bev\u00f6lkerungs\u00f6ffentlichkeit haben ihren Interessensfokus klar anderswo. Die Kriseninflation Europas und die Ausschl\u00e4ge &quot;der M\u00e4rkte&quot; deckt alles andere zu &#8211; \u00fcbrigens nicht nur die globale Umwelt- und Gesellschaftspolitik, sondern auch viele immens wichtige innenpolitische Themen (Bildung, fortschreitende soziale Ungerechtigkeit, Steuer- und Gesundheitssystem). Dabei liegen f\u00fcr so manche, selbst globale und daher h\u00f6chst komplexe und schier unl\u00f6sbare Probleme so manche L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten auf der Hand. Achim Steiner, Nachfolger von Klaus T\u00f6pfer als Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, stellte dies im Gespr\u00e4ch mit der ZEIT neulich treffend dar, aus dem ich hier zitiere: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/25\/P-Interview-Steiner \">&quot;Heute subventionieren wir zum Beispiel die Produktion von \u00d6l und Kohle noch immer mit weltweit fast 500 Milliarden Euro pro Jahr. [&#8230;] Oder denken Sie an die Fischerei: Obwohl die Fischbest\u00e4nde zusammenbrechen, [&#8230;] f\u00f6rdern wir den Raubbau mit fast 22 Milliarden Euro f\u00fcr unsere Fischereiflotten&quot;,<\/a> so Steiner. Mindestens die Problematik der fehlenden finanziellen Mittel f\u00fcr die F\u00f6rderung nachhaltiger Entwicklung, die Reduktion der Treibhausgasemissionen oder f\u00fcr einen echten, wirksamen Schutz der Artenvielfalt k\u00f6nnte mit einer Umleitung dieser Gelder, die momentan noch in diesen vollkommen fehlgeleiteten Subventionst\u00f6pfen stecken, angehen. <\/p>\n<p>In zehn Jahren, vielleicht sogar fr\u00fcher, so mutma\u00dfe ich hier einmal ganz frei von der Leber weg, wird kein Mensch mehr von der Fiskalproblematik einer der reichsten Regionen der Erde &#8211; Europas &#8211; sprechen. Stattdessen werden die selben Staaten, die sich heute (zweifelsohne teils zurecht &#8211; das habe ich oben dargestellt) im &quot;Klein-Klein&quot; der fiskalischen Brandmauern verhakeln, fragen, warum sie sich nicht rechtzeitig auch mehr mit dem &quot;Gro\u00df-Gro\u00df&quot; der Zukunft der Biosph\u00e4re besch\u00e4ftigt haben &#8211; als noch Zeit daf\u00fcr war. Denn die Zeit, diese Priorit\u00e4tenerweiterung von der Politik einzufordern, verstreicht langsam. Dies zu verhindern liegt auch, und zwar ganz prominent, in der Verantwortung des Souver\u00e4ns sowie der von ihm konsumierten Medien. Beide sollten ihre Verantwortung wahrnehmen.<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die L\u00f6sung der finanziellen Probleme Europas ist wichtig. Doch unser Planet hat weitaus mehr Probleme, die dringend einer L\u00f6sung bed\u00fcrfen. 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