{"id":153,"date":"2015-02-15T21:24:03","date_gmt":"2015-02-15T21:24:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelwart.de\/?p=153"},"modified":"2021-08-06T21:44:16","modified_gmt":"2021-08-06T19:44:16","slug":"an-die-wurzeln-zur-reform-des-deutschen-wissenschaftssystems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/2015\/02\/15\/an-die-wurzeln-zur-reform-des-deutschen-wissenschaftssystems\/","title":{"rendered":"An die Wurzeln! Zur Reform des deutschen Wissenschaftssystems"},"content":{"rendered":"<h4>Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%BCrgen_Mittelstra%C3%9F\">J\u00fcrgen Mittelstra\u00df<\/a> fordert die Reform des deutschen Wissenschaftssystems. Doch seine radikal anmutenden Vorschl\u00e4ge greifen in letzter Konsequenz zu kurz, solange sie die Ursache der Krise weder benennen noch in Frage stellen: die in ihrer Hierarchie zementierte Struktur des akademischen Systems.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"serendipity_imageComment_right\" style=\"width: 110px;\">\n<div class=\"serendipity_imageComment_img\"><a class=\"serendipity_image_link\" href=\"https:\/\/www.vogelwart.de\/wp-content\/uploads\/20150202_141801.jpg\"><!-- s9ymdb:183 --><img loading=\"lazy\" class=\"serendipity_image_right\" src=\"https:\/\/www.vogelwart.de\/wp-content\/uploads\/20150202_141801.thumb.jpg\" width=\"110\" height=\"62\"><\/a><\/div>\n<div class=\"serendipity_imageComment_txt\">Blick auf den Campus der Frankfurter Goethe-Universit\u00e4t<\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/www.polytechnische.de\/die-zukunft-des-deutschen-wissenschaftssystems-2015-02-03.aspx\">Vortrag <\/a>von Prof. J\u00fcrgen Mittelstra\u00df k\u00fcrzlich bei der ehrw\u00fcrdigen <a href=\"http:\/\/www.polytechnische.de\/\">Frankfurter Polytechnischen Gesellschaft<\/a> war zweifelsohne ein Glanzlicht im Alltag eines jeden Wissenschaftlers, der sich f\u00fcr die Geschichte und die Zukunft seiner eigenen Wirkungsst\u00e4tten interessiert. Zumindest scheinbar ohne Scheuklappen stellte Mittelstra\u00df, seineszeichens emeritierter Philosophieprofessor und ehemaliger wie aktiver h\u00f6chst verdienter Wissenschaftsfunktion\u00e4r, in erfrischender Klarheit die derzeitige Struktur des deutschen Wissenschaftssystems infrage \u2013 nachzulesen sind seine Kernthesen auch in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/wissenschaft-die-verhaeltnisse-zum-tanzen-bringen-13165481-p7.html?printPagedArticle=true#pageIndex_7\">FAZ vom 21. September 2014<\/a>.<\/p>\n<p>Mittelstra\u00df spart nicht an Kritik an den schier versteinerten Strukturen des Systems, an den vorgetragenen Rechtfertigungen hierf\u00fcr (&#8220;Redundanz&#8221;, &#8220;Wettbewerb&#8221;), und an Unwillen und Unf\u00e4higkeit zu Ver\u00e4nderung. Schonungslos identifiziert und bem\u00e4ngelt er derzeitige Ausw\u00fcchse der Wissenschafts- und Bildungspolitik, so etwa den Trend zum n\u00e4chsten (Hochschul-)Pakt, die (insbesondere universit\u00e4re) \u00dcber-Akademisierung Deutschlands, oder die allseits beklagten Folgen des Bologna-Prozesses (Verschulung, Forschungsferne, &#8230;).<br \/>\nAuch L\u00f6sungen f\u00fcr Strukturver\u00e4nderungen bietet Mittelstra\u00df an. Seine wesentlichen Punkte:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Universit\u00e4ten sollen sich als &#8220;Forschungs- und Lehrleistungszentren neuer Art&#8221; in kleinerem Format auf eine &#8220;forschungsnahe Lehre&#8221;, auf die F\u00e4cher- und Disziplinenpflege und auf die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses konzentrieren, die Fachhochschulen im Gegenzug als &#8220;Regelhochschulen&#8221; ausgebaut werden.<\/li>\n<li>Die Organisation der verschiedenen au\u00dferuniversit\u00e4teren Forschungsinstitutionen soll durchaus radikal umgekrempelt werden. Hierzu geh\u00f6ren die Verschlankung der Max-Planck-Institute, die Umstrukturierung (und teilweise Schlie\u00dfung) von Helmholtz-Zentren sowie die Aufl\u00f6sung der Leibniz-Gemeinschaft und der Ressortforschungs-Einrichtungen. Nur die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft sollen als &#8220;paradigmatisches Erfolgsmodell&#8221; unver\u00e4ndert fortbestehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nicht zuletzt geht er mit dem Wissenschaftsrat \u2013 dem Gremium, das doch f\u00fcr die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems zuv\u00f6rderst zust\u00e4ndig ist \u2013 hart ins Gericht: Jede Hoffnung auf wegweisende Impulse seitens des Rates w\u00fcrden entt\u00e4uscht, so Mittelstra\u00df, dereinst selbst Mitglied des Rates. Gleichsam desillusioniert und aufr\u00fcttelnd f\u00e4llt das Fazit des Philosophen und Wissenschaftstheoretikers aus, wenn es um den Blick in die Zukunft geht.<\/p>\n<p>Bedenkenswert sind seine Punkte allemal, mindestens f\u00fcr all diejenigen, denen diese Zukunft der Wissenschafts- und Bildungslandschaft Deutschlands nicht gleichg\u00fcltig ist. Stellenweise lie\u00df Mittelstra\u00df jedoch wichtige Fragen unbeleuchtet, was zun\u00e4chst den Grenzen des Aufsatz- oder Vortragsformats geschuldet sein mag. So sollten sich doch beispielsweise alle Strukturfragen an Zielen orientieren, welche freilich im Ringen der beteiligten Akteure in Wissenschaft und Gesellschaft erst ausgehandelt werden m\u00fcssen. Prof. Uwe Schneidewind, Pr\u00e4sident des Wuppertal Instituts, hat hierzu eine <a href=\"http:\/\/nachhaltigewissenschaft.blog.de\/2014\/10\/09\/weit-reform-wissenschaftssystems-gehen-uwe-schneidewind-antwortet-aufsatz-juergen-mittelstrass-faz-22-09-19529760\/\">lesenswerte Replik zu Mittelstra\u00df&#8217; Ausf\u00fchrungen<\/a> vorgelegt, die sich auch mit dem Ziel von Wissenschaft insbesondere in ihrer gesellschaftlichen Dimension befasst.<\/p>\n<h3>Radikal ist anders<\/h3>\n<p>Doch hiervon abgesehen dr\u00e4ngt sich nach meinem Daf\u00fcrhalten ein anderer Punkt f\u00f6rmlich auf, und dieser betrifft die Ursache der negativen Ausw\u00fcchse sowie folglich deren Behebung. Hier n\u00e4mlich bleibt der scheinbar radikale Systemkritiker zu weit an der Oberfl\u00e4che und vers\u00e4umt es, um im Bild zu bleiben, die Axt tats\u00e4chlich an die Wurzel des kranken Systems zu legen.<\/p>\n<p>Meine nach dem Vortrag gestellte Frage, ob es ihn denn \u00fcberrasche, dass das System aus sich heraus so wenig reformfreudig sei, beantwortete Prof. Mittelstra\u00df mit einem klaren &#8220;Nein&#8221;. Und einer der wesentlichen Gr\u00fcnde hierf\u00fcr ist auch offenkundig: S\u00e4mtliche Funktionstr\u00e4ger des Systems, sei es in den Universit\u00e4ten oder Wissenschaftsinstitutionen, sei es in Gremien wie dem Wissenschaftsrat, sind in ebendiesem System &#8220;gro\u00df&#8221; geworden bzw. zumindest zu Einfluss gelangt. Die Infragestellung&nbsp; des Systems implizierte doch zwangsl\u00e4ufig auch eine Infragestellung auch der eigenen&nbsp; Person, mindestens jedoch der eigenen beruflichen Leistung bzw. des Karriereweges. Und wer stellt sich schon gerne selbst infrage!? Rein psychologisch stellt die Situation also ein Dilemma dar, das \u00fcber das Ph\u00e4nomen &#8220;Ich s\u00e4ge nicht den Ast ab, auf dem ich sitze&#8221; durchaus hinausgeht und aus dem somit ein Entrinnen nicht trivial erscheint.<\/p>\n<p>Symptomatisch mutete in diesem Zusammenhang das Diskussionsverhalten eines der anwesenden, wissenschaftspolitisch hochdekorierten Zuh\u00f6rer an: Dieser, einer der ehemaligen Pr\u00e4sidenten der Goethe-Univerit\u00e4t, hatte dem Referenten gerade noch entgegnet, die Universit\u00e4ten h\u00e4tten doch in den letzten Jahren eine solche Dimension an Ver\u00e4nderungen (Stichwort Bolognaprozess) mit sich machen lassen, dass man ihnen mangelnden Reformwillen nun wirklich nicht vorwerfen k\u00f6nne. Beim n\u00e4chsten Diskussionsbeitrag nicht professoraler Herkunft hingegen, der sich in ein wenig Fundamentalanalyse versuchte (s.o.), war der Smalltalk mit den Sitznachbarn selbstredend wichtiger. Wie anders sollte man dies wahrnehmen als als Abwehrhaltung gegen\u00fcber dem sachlichen Argument, welches am Panzer der geradezu hermetisch anmutenden Zirkel der Verantwortung(str\u00e4ger) abperlt.<\/p>\n<h3>Trotz Reformen: Die Strukturen sind geblieben!<\/h3>\n<p>Doch sind die Universit\u00e4ten tats\u00e4chlich die gro\u00dfen Vorreiter im Reformgeschehen? Wohl kaum. Nat\u00fcrlich stellen die Bologna-Reformen eine gewalte Herausforderung dar, welche die Hochschulen allerdings zumeist eher schlecht als recht gemeistert haben. Letzteres \u00fcbrigens vor allem deshalb, weil gerade die professoralen und verwaltungsbeamteten Umsetzer der politischen Vorgaben sich seltenst um die eigentlichen Ziele der Reform k\u00fcmmerten, sondern die neuen Studieng\u00e4nge aufgrund von Fehlinformation und Missinterpretation in einem Ma\u00dfe verb\u00fcrokratisierten, \u00fcberregulierten und \u00fcberfrachteten, das diametral zu den Zielen steht.<\/p>\n<p>Doch das nur am Rande. An der Organisations- und Entscheidungsstruktur, welche nach meiner These die Ursache der von Mittelstra\u00df identifizierten Defizite ist, hat sich nichts ge\u00e4ndert, und das ist die Konzentration der Entscheidungskompetenzen an der Spitze der akademischen Pyramide \u2013 der Professur. Wissenschaft wird, trotz Studentenrevolte, Bildungsexpansion, Gruppen- bzw. Gremienuniversit\u00e4t und Bolognaprozess, in einem streng hierarchischen System betrieben, deren (nach wie vor meist) habilitierte &#8220;K\u00f6pfe&#8221; recht ungest\u00f6rt die wesentlichen Entscheidungen treffen.<\/p>\n<p>Die Lehrstuhl-F\u00fcrstent\u00fcmer in den Fakult\u00e4ten und Fachbereichen existieren weiter \u2013 je mehr Doktoranden und Assistenten, desto sicherer mehren sich Ruhm und insbesondere Drittmittel. \u00dcber die Verteilung der Drittmittel an die Antragssteller entscheiden, schaut man z.B. auf die Deutsche Forschungsgemeinschaft, wiederum Gremien professoraler Funktionstr\u00e4ger. Universit\u00e4tsleitungen honorieren eingeworbende Drittmittel mit finanziellen Zusch\u00fcssen oder mehr Stellen, diese erlauben die Einwerbung weiterer Drittmittel (und Stellen), und so fort.<\/p>\n<p>Nicht abgestritten werden sollen hier freilich die wissenschaftlichen Leistungen der erfolgreichen Pyramidenspitzen \u2013 doch dass es bei der Bewilligung von Forschungsgeldern nicht allein auf gute Ideen ankommt, das wird einem ein Heer von Antragsstellern und auch Gutachtern freim\u00fctig best\u00e4tigen. Nochmals, und ganz ohne Polemik: Betrachtet man diesen Ausschnitt nur des universit\u00e4ren Wisseschaftsbetriebs &#8211; wen \u00fcberrascht dann noch der Befund, dass das System sich gen\u00fcgt und es keinen rechten Reformwillen entwickelt!?<\/p>\n<h3>Luft ins System!<\/h3>\n<p>L\u00f6sungen? Gibt es, oder zumindest Vorschl\u00e4ge hierzu \u2013 stichpunktartig seien wenige genannt. Der Kern: Luft muss ins System! F\u00fcrstent\u00fcmer m\u00fcssen verkleinert, Traditionen und Rituale entschlackt, Verantwortung geteilt statt konzentriert, Organisationsformen \u00fcberdacht und vor allem \u00fcberkommene Hierarchien verabschiedet werden. Junge Leute mit guten Ideen verdienen fr\u00fchere und reichlichere F\u00f6rderung \u2013 fr\u00fchere langfristige Besch\u00e4ftigungsperspektiven geh\u00f6ren genau so dazu wie eine st\u00e4rkere Risikobereitschaft der Drittmittelgeber. An einigen Stellen r\u00fchrt sich schon was \u2013 manche Hochschulen wagen sich an tenure-track-Modelle, Stiftungen finanzieren bewusst risikoreiche Forschungsideen, das Elend des uns\u00e4glichen Befristungstheater ist erkannt und L\u00f6sungen werden gesucht.<\/p>\n<p>Doch was passiert, ist noch zu wenig, und die Debatte um die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems steht erst am Anfang. Die Erkenntnis, dass sie richtig ist und wichtig, verdanken wir auch Beitr\u00e4gen wie denen von Prof. Mittelstra\u00df. Weitere, wom\u00f6glich radikalere Beitr\u00e4ge m\u00fcssen nun folgen \u2013 ich bin gespannt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker J\u00fcrgen Mittelstra\u00df fordert die Reform des deutschen Wissenschaftssystems. 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