{"id":92,"date":"2007-11-19T21:19:09","date_gmt":"2007-11-19T21:19:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelwart.de\/?p=92"},"modified":"2021-08-06T21:44:18","modified_gmt":"2021-08-06T19:44:18","slug":"was-ahlewoscht-ist-mettwurst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vogelwart.de\/index.php\/2007\/11\/19\/was-ahlewoscht-ist-mettwurst\/","title":{"rendered":"WAS, AHLEWOSCHT IST METTWURST?"},"content":{"rendered":"<h3>Wurstwelten &#8211; Ein Gastbeitrag von <i>Sofia Egerton<\/i><\/h3>\n<p align=\"justify\"><a href=\"http:\/\/www.vogelwart.de\/index.php?\/archives\/85-Zeitwurst-Lust-am-Schwein.html\">Mein Blogwursteintrag<\/a> und insbesondere der dazugeh\u00f6rige <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/46\/Deutschland-Mettwurst?page=all\"><i>ZEIT<\/i>-Artikel<\/a> hat doch tats\u00e4chlich emotionale Bewegungen entfacht, die ihresgleichen suchen. Diese in Worten auszudr\u00fccken hat sich Sofia, die gesch\u00e4tzte Freundin meiner gesch\u00e4tzten Ex-Mitbewohnerin Constanze gleich daran gemacht, und so freue ich mich, in diesem Sinne den ersten Gastbeitrag auf diesem meinem Blog ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen. Ich sage nur soviel: Ihn zu lesen lohnt sich, nicht nur aus kulinarischen, sondern auch aus literarischen und humoresken Gr\u00fcnden!<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Ach, der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/46\/Deutschland-Mettwurst?page=all\">hervorragende Beitrag in der <\/a><i><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/46\/Deutschland-Mettwurst?page=all\">ZEIT<\/a> <\/i>\u00fcber die hessische Ahlewoscht l\u00f6ste einen Sturm der Gef\u00fchle in mir aus. Das Wurst-Dreieck Th\u00fcringen, Hessen und Niedersachsen, hie\u00df es da, biete die spektakul\u00e4rsten Mettwurstkreationen Deutschlands, und bei einer ostdeutschen Variante wurde gar vermutet, es handele sich dabei um die beste Mettwurst der Welt. Sch\u00f6n und gut, das sind erfreuliche Nachrichten. Auch dass die richtige Saison f\u00fcr die Mettherstellung der Herbst ist, mag hingehen. Das Wurstjahr, so hie\u00df es, beginne nicht, bevor der letzte faulige Apfel von den Wiesen geklaubt und zur Mosterei gebracht worden sei. Ja, so manches Gl\u00fcck beginnt erst im Herbst, dachte ich zufrieden, warum nicht auch die Zeit der guten Wurst. Als ich allerdings lesen musste, dass die viel besungene, in Marburger Studentenkreisen mit dem Mythos perfekten Wursttums umrankte Ahlewoscht, die nie einer meiner Freunde wirklich bewusst gesehen, von der aber alle auf vielf\u00e4ltige Weise geh\u00f6rt hatten, dass diese Ahlewoscht nichts anderes als Mettwurst sein sollte, ja, das war ein Schlag.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ahlewoscht blo\u00df poplige Mettwurst? Ja ich glaub es hackt. Mir war immer so, als verberge sich hinter Ahlewoscht eine viel romantischere Wurstform als grobes Bauernmett. Ich  verband mit Ahlewoscht gebl\u00fcmtes Teeservice und Ladycake. Nat\u00fcrlich auf wurstkompatiblem Niveau. Vor meinem inneren Auge t\u00e4nzelten junge Ahlewoschtlerinnen in hessischer Bauerntradition, wom\u00f6glich in Schw\u00e4lmer Tracht, lieblich singend um einen gro\u00dfen Schlachtereisack, der dringend der K\u00fchlung bedurft h\u00e4tte, und formten mit zarten wei\u00dfen H\u00e4ndchen Bl\u00fcten der Wurstkunst. Auch gemahnte mich Ahlewoscht eher an Fr\u00fchling als an Herbst. Mett ist Herbst, ganz klar. Alte Metzgermatronen kneten wuchtig Wurstteig, dass ihnen der salzige Schwei\u00df \u00fcber die Kinnwarzen l\u00e4uft, voll rein ins gute Mettgemenge, wodurch erst die angestrebte W\u00fcrze entsteht. Im Hintergrund l\u00f6sen unterdessen alte schrundige Schlachtergesellen, die Einlegesohlen gegen ihre gichtigen Fu\u00dfprobleme sind vom Schwei\u00df der \u00fcberbeanspruchten Gehwerkzeuge schon ganz durchn\u00e4sst, gekonnt Schweine in ihre Koteletts, Obern\u00fcsse und Filets Mignons auf, trennen ab, was zu S\u00fclze verarbeitet werden kann, und schwingen das Beil \u00fcber Keule und Nacken. Krach knack knirsch, wieder ein zehn Zentimeter dicker Oberschenkelhals zersplittert. Ja, so ist Mett. So geht Mett. So lebt man Mettwurstkunst. Es gibt sogar Schlachtermeister, die in eine Art Schlachtrausch kommen, das sind die besonders begabten. Man spricht dann von Wurstwut.<\/p>\n<p align=\"justify\">Aber Ahlewoscht? Die Ahlwoscht meiner Tr\u00e4ume war weder mit Knochenbr\u00fcchen noch mit Axtschwingen verbunden. Niemals rann Schwei\u00df, Warzen am Kinn waren tabu, und die Grundsubstanz dieser edlen Wurst schien mir niedlichstes H\u00e4schenhack zu sein. Nur unglaublich s\u00fc\u00dfe Pelztiere, deren Fell man zu Muffs weiterverarbeiten kann, waren in meinen Tr\u00e4umen angemessen f\u00fcr Ahlewoscht, und muskul\u00e4r gut ausgestattete J\u00fcnglinge in Balletthosen mit ausgestopfter Vorderfront, mit Blumen im Haar und Schmetterlingen auf den prallen Hinterbacken, sangen und tanzten diese niedlichen Nahrungsspender in den Schlaf. Waren diese vor Langeweile endlich eingeschlummert, so kamen einige schock Lilien bekr\u00e4nzter Jungfrauen, pro Schlachtgut St\u00fccker sieben, und schl\u00e4ferten die bereits entschlummerten endg\u00fcltig ein. Dabei ist wichtig, dass alle Liliengekr\u00f6nten ausgebildete Krankenschwestern waren, die genau wussten, wie man mit der Nadel umgeht. Au\u00dferdem hatte nur eine anonyme Person wirklich Einschl\u00e4ferlik\u00f6r in der Kan\u00fcle, alle anderen spritzten Happypulver mit Traubenzucker.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sodann senkt sich ein luftiger Vorhang \u00fcber die Szene. Die Verarbeitung der flauschigen Pelzh\u00fcllen unserer Fleischlieferanten zu politisch unkorrekten Accessoires wird vollst\u00e4ndig ausgeblendet, und der Tr\u00e4umer verharrt in innerem Frieden, da er zu wissen glaubt, dass die Fellchen auf mirakul\u00f6se Weise der dritten Welt zu Gute kommen oder helfen, das Klima zu sch\u00fctzen. Wenn sich der Vorhang wieder hebt, sieht man oben erw\u00e4hntes Schaubild: Hessische Bauerndirnen umtanzen den Schlachtereisack und formen zarte Wurstgebilde.<\/p>\n<p align=\"justify\">Tja. Die Realit\u00e4t sieht wohl anders aus. Ahlewoscht ist schlichtes Warzenmett. Die Spender der Grundsubstanz sind mit Tiermehl zum Wahnsinn gef\u00fcttertes Mastvieh, deren Scharfrichter grindige Knastbr\u00fcder, und die Wurstmaschinen werden von an Bluthochdruck leidenden Wursttyranninnen bedient, die ihr Fischbeinkorsett \u00fcber den n\u00e4chsten Schlachterhaken geworfen haben, da ihr eigenes massiges Gewebe bei der anstrengenden Wurstarbeit Raum zur Entfaltung braucht. Keine der Wurstfachkr\u00e4fte, weder weiblicher noch m\u00e4nnlicher Grundausstattung, wird jemals eine angemessene Lautst\u00e4rke beim Gespr\u00e4ch einhalten k\u00f6nnen. Unter L\u00e4rm, Geschrei und groben Scherzen werden die W\u00fcrste in den Darm gezwungen. Ach ich k\u00f6nnte weinen \u00fcber das verlorene Paradies der Ahlewoscht. Oft ist Unwissenheit doch besser als die brutale Wahrheit. Und da die Welt nachweislich so eine schlimme Lokation ist, wo viel \u00dcbles passiert, m\u00f6chte ich ausrufen: Der Abend senkt sich \u00fcber das Land, bald schon ist es dunkel. Die Welt ist ein finstrer Ort. Wissen <i>Sie<\/i>, wo ihre Wurst sich im Moment befindet? Wissen <i>Sie<\/i>, wo Ihre Wurst heute \u00fcbernachtet?<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich w\u00fcnsche ein gelungenes Wurstjahr (hat ja grade erst angefangen, na Gott sei Dank)!<\/p>\n<p align=\"justify\"><i>Sofia<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wurstwelten &#8211; Ein Gastbeitrag von Sofia Egerton Mein Blogwursteintrag und insbesondere der dazugeh\u00f6rige ZEIT-Artikel hat doch tats\u00e4chlich emotionale Bewegungen entfacht, die ihresgleichen suchen. 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