Ein deutsches Harvard taugt nicht als Ziel

Saturday, April 25. 2015

Einmal mehr beklagte der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe kürzlich das Fehlen deutscher Spitzen-Universitäten nach dem Vorbilde der US-Eliteschmieden Harvard, Stanford und Berkeley oder der britischen Oxbridge-Counterparts. Erst auf Platz 49 des bekannten Shanghai-Rankings tauche mit Heidelberg eine deutsche Alma mater auf, das Gros der hiesigen Universitäten tummle sich weit hinten in der internationalen Rangliste. Das Mittel zur Abhilfe hat Joffe auch gleich ausgemacht: Studiengebühren. Zu Unrecht verteufelt seien sie nicht als Belastung, sondern als Zukunftsinvestition zu begreifen, und nur mit ihnen könne Deutschland aufschließen zur internationalen Exzellenz-Liga.

Geflissentlich vergessen wird von Joffe und all denen, die ohne Unterlass vom deutschen Harvard oder Oxford schwärmen, der Blick auf größere Ganze - das Bildungssystem, auch im Kontext der Gesellschaft insgesamt. Die oben genannten Elite-Universitäten der Vereinigten Staaten und Englands sind ohne Zweifel herausragend in Forschung und Lehre. Doch eine ernsthafte Debatte zur Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems muss den Blick auch und vor allem auf die Landschaft richten, aus der die Leuchttürme herausragen! Zugespitzt: Während der amerikanische und britische Leuchtturmwärter (aka Hochschulrektor) von hochdroben in den Abgrund schaut auf eine wüste Ebene, blicken die Präsidenten der besten deutschen Unis zwar von etwas niedrigerer Warte, doch dafür auf ein Hochplateau in Gestalt eines deutlich breiteren Fundaments recht solider Bildungseinrichtungen (von Gesamtschulen und Gymnasien über Fachhochschulen bis zu zahlreichen sehr ordentlich arbeitenden Universitäten). Und aus diesem Hochplateau ragen viele höchst erfolgreiche und engagierte Forscher und Hochschullehrer hervor. Deren Förderung ist im Sinne des wissenschaftlichen Fortschritts und einer besseren Lehre deutlich nachhaltiger als das prestigegesteuerte Aufpumpen einzelner Großeinrichtungen.

Das soll nicht heißen, dass das deutsche Wissenschaftssystem keiner Reformen bedarf. Es wird gelähmt von chronischer Unterfinanzierung, antiquierten hierarchischen Strukturen und der Perspektivlosigkeit des Nachwuchses. Diese Defizite sind auch Hemmschuhe für den wissenschaftlichen Erfolg: So wird ein schlauer Kopf, der nicht weiß, ob er in einem halben Jahr noch die Miete zahlen kann, kaum Spitzenforschung leisten können. Und ein Mitarbeiter, der von Lehrpflichten erdrückt wird, während die akademischen Rechte nur dem Chef zustehen, wird sich auch nicht vor Motivation überschlagen. Doch diese und andere Probleme zu beheben wird mitnichten gelingen, wenn die Spitze künstlich aufgeblasen wird auf Kosten des Niveaus in der Breite. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Eine bessere Basis produziert auch - mit sinnvoller Förderung und attraktiven Anreizen - mehr Top-Leistungen. Das deutsche Harvard ist nicht mehr als ein griffiges Bild - als Ziel taugt es nicht.









An die Wurzeln! Zur Reform des deutschen Wissenschaftssystems

Sunday, February 15. 2015


Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß fordert die Reform des deutschen Wissenschaftssystems. Doch seine radikal anmutenden Vorschläge greifen in letzter Konsequenz zu kurz, solange sie die Ursache der Krise weder benennen noch in Frage stellen: die in ihrer Hierarchie zementierte Struktur des akademischen Systems.



Blick auf den Campus der Frankfurter Goethe-Universität








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Wolf im Westerwald? Gut so!

Monday, April 2. 2012

Jeder, der den gestrigen Eintrag an dieser Stelle aufmerksam gelesen hat, sollte sich bewusst sein, welches Datum wir gestern schrieben. Ja, es war ein Aprilscherz.

Dass freilich Gevatter Isegrim neulich im Westerwald gesichtet wurde, ist mithin keine Ente gewesen, genauso wenig wie die (erfreuliche!) Tatsache, dass es in der sächsischen Lausitz inzwischen wieder eine recht stattliche und gleichsam wachsende Wolfspopulation gibt.

Unter der Kategorie "grober Unfug" ist indes der Zusammenhang zwischen Landwirtschafts-  und Klimawandel mit den Ausbreitungstendenzen der Raubtiere zu verbuchen. Und auch meine Warnungen vor den Vorgarten-Besuchen von Luchs, Wolf und Bär entbehren selbstverständlich jeglichen Realitätsbezuges. Um es ganz klar zu sagen: Weder Wolf noch Luchs stellen je eine Gefahr für den Menschen dar. Viel zu scheu sind diese heimlichen Gesellen - jahrhundertelange Verfolgung durch den Menschen haben sie gelehrt, sich von diesem fernzuhalten. Und in der Tat gibt es - entgegen der landläufigen auf altbekannten Märchen (!) beruhenden Volksmeinung - in der Geschichte keinen einzigen stichhaltigen Beleg dafür, dass je ein Mensch einem Wolf zum Opfer fiel.

Vielmehr sollten wir uns darüber freuen, wenn Luchs und Wolf (Bären sind ein anderes Thema - welches aber auch gerade überhaupt nicht zur Debatte steht, außer solchen Sommerlochfüllseln wie Bruno vor einigen Jahren) wieder Einzug in unsere Wälder halten. Nicht nur sind sie eine willkommene Bereicherung der heimischen Säugetierfauna, auch leisten sie - sollten sie denn irgendwann mal wieder nennenswerte Populationsgrößen erreichen - einen wichtigen Beitrag zu einem gesunden Naturhaushalt. Und wenn mal ein Schaf gerissen wird, sollte man ggf. über durch Politik, Naturschutz und Landwirtschaft entwickelte Entschädigungsleistungen nachdenken.

Fazit: Willkommen Wolf - auch und gerade im Westerwald!

Viele weitere hilfreiche Informationen hat der NABU auf seinen Internetseiten Wölfe in Deutschland bereitgestellt.



Klimawandel und Öko-Landbau: Wölfe bald in unseren Vorgärten?

Sunday, April 1. 2012

HINWEIS: Wer das folgende liest, muss auch das hier lesen.

Seit etwa 12 Jahren leben wieder Wölfe in Deutschland - zuletzt wurde ein streunendes Tier im Westerwald gesichtet. Kein Grund zur Panik, so hieß es bisher, denn ihre heimliche, ja gar menschenscheue Lebensweise hielt die Wölfe bisher von menschlichen Siedlungen fern. Klimawandel und veränderte Lebensräume stellen jedoch eine Kombination von Faktoren dar, die womöglich auch das Verhalten der Raubtiere ändert. Und dies könnte in der Tat Anlass zur Sorge geben!








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Mobil im Tümpel

Wednesday, March 7. 2012

Libellen können fliegen. Diese Binsenweisheit sollte allgemein bekannt sein. Doch reichen die Flugkünste von Binsenjungfer, Blaupfeil und Plattbauch aus, um dem dräuenden Klimawandel auszuweichen? Dieser Frage bin ich in einer jüngst im Fachmagazin Biology Letters der Royal Society erschienenen Studie nachgegangen. Es stellte sich heraus, dass Libellenarten, deren Larven in Tümpeln und Teichen leben, mit dem Klimawandel besser zurechtkommen als ihre in Bächen und Flüssen lebenden Artgenossen. Für die Untersuchung, die das Resultat eines Kooperationsprojektes mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Dänemark, Spanien und Mexiko, hatten wir anhand von Artverbreitungsmodellen das tatsächliche und potenzielle Vorkommen europäischer Libellenarten in 2006 mit dem Jahr 1988 verglichen. Besonders freut mich freilich, dass nationale (z.B. die Frankfurter Rundschau) und internationale Medien (z.B. Science Daily) unsere Ergebnisse aufgegriffen haben.







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Denn sie tun nicht, was sie wissen.

Monday, February 20. 2012

Aber warum?! - Weil selbst die klügsten Köpfe der Nation sich nicht einig darüber werden, wie das Richtige erreicht werden kann. So könnte das Fazit der Podiumsdiskussion "Warum fällt es uns so schwer, das Richtige zu tun?" aussehen, welche als Schluss-Highlight die Veranstaltungsreihe "Wie wollen wir leben?" des Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (BiK-F) beendete. Mindestens von hohem Entertainmentwert war die Debatte, insbesondere die Beiträge von Hans Werner Sinn (München) und Harald Welzer (Essen).





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Neue Forschungsergebnisse:

Wednesday, April 1. 2009

Klimawandel erhöht Ausbreitungspotential von Wildtierepidemien dramatisch

Endlich komme ich nach einer Weile der Blogabstinenz mal wieder dazu, mich hier zumindest in aller Kürze über den aktuellen Stand meines Daseins auszulassen. Seit einem Monat bin ich nun wieder in der dänischen Hauptstadt, wo ich mich freilich vorwiegend der Wissenschaft hingebe. Warum ich allerdings bisher noch nichts geschrieben habe über meinen neuerlichen Aufenthalt in Kopenhagen, offenbart sich in der hiermit den interessierten Lesern gerne anheim gegebenen Pressemitteilung über meine neuesten wissenschaftlichen Aktivitäten. Es war viel Arbeit, aber ich denke, sie hat sich gelohnt - in hier herunterzuladender pdf-Datei finden sich alle weiteren Informationen: PM_Klimawandel_Epidemien.pdf

Arizona - Kursidylle in den Wuestenbergen

Friday, April 25. 2008



[Ich bitte um Entschuldigung fuer die fehlenden Umlaut-Ueberpunktungen und eszet-Buchstaben - diese fehlen, weil ich mit einer amerikanischen Tastatur tippe und entsprechende Umstellungen zu viel Energie kosten wuerden.]

Ich befinde mich gerade in den USA zwecks Teilnahme an einem Kurs ueber "species distribution modelling". Das ist ungeheuer interessant, und nachdem ich meine Datenvorbereitung nach einem Jahr Doktorarbeit inzwischen abgeschlossen habe, kommt dieser Methodenkurs gerade zur rechten Zeit, so dass ich alsbald meine Analysen starten kann. Was aber besonders schoen ist an diesem Kurs, ist seine location: In der Wueste Arizonas ragen die Chiricahua Mountains auf, und das American Museum for Natural History besitzt eine Research Station in diesen Bergen. Hier findet der Kurs statt. Und das ist auch deshalb schoen, weil die Natur hier faszinierend und vielfaeltig ist. Einige ornithologische Kostproben - Kolibris, Spechte und andere gefiederte Gesellen, finden sich, visuell abgebildet, in meinem neuen Arizona-Ordner bei den fotouristen, und zwar HIER.

Mammute und Verwesung: Zeitliche Einordnung

Wednesday, April 2. 2008

Meinem gestrigen Beitrag über die dramatischen Auswirkungen etwaiger Verwesungen von Tausenden aus dem ewigen Eis freigelegten Mammutkadaver sei ein wichtiger Hinweis nachgetragen: Man beachte die zeitliche Komponente des Berichts, insbesondere das Datum der Pressemitteilung!

Der erste Teil der Meldung wird jedoch auch nach dem gestrigen 1. April Bestand haben, da es sich hier um eine tatsächlich durchgeführte Studie meines Kollegen David Nogues mit tatsächlich sehr ausführlicher Berichterstattung in internationalen Medien handelt. Ich empfehle allen Leserinnen und Lesern, die sich für große haarige Biester interessieren, nachdrücklich die Lektüre des Artikels bzw. der Sekundärliteratur (Links finden sich im gestrigen Beitrag).


Mammut starb durch Klima - dreht sich der Spieß nun um?

Tuesday, April 1. 2008

Den geschätzten Blogleserinnen und -lesern möchte ich eine Pressemitteilung zu aktuellen Forschungsergebnissen aus meinen derzeitigen Arbeitsgruppen nicht vorenthalten. Insbesondere möchte ich
auf den zweiten Teil des Textes verweisen, in denen erste Ergebnisse
meiner eigenen Studien besprochen und visualisiert werden. Eine pdf-Version der vollständigen Mitteilung findet sich hier zum download: PM_Mammut_Klima.pdf

Forscher aus Madrid und Kopenhagen warnen vor einem Teufelskreis der Erderwärmung durch massenhafte Freilegung von Großtierkadavern durch Abschmelzen der Dauerfrostböden Sibiriens.



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Evolution: Und noch 'ne Empfehlung, ...

Saturday, September 1. 2007

Tarnung in Perfektion?
...die ich aber nicht in den vorangegangenen Eintrag packen konnte, da sie in eine andere Blog-Kategorie gehört. Der in meinem Taxonomie-Lanzenartikel auf diesen Seiten bereits zitierte Konstanzer Evolutionsbiologe Axel Meyer hat in der ZEIT-Ausgabe Nr. 30 vom 19. Juli 2007 einen weiteren großartigen Artikel zum Thema Evolution veröffentlicht. Unter dem Titel "Das missverstandene Buch schreibt er über die populären Irrtümer, denen selbst Wissenschaftler erliegen, wenn sie von der Entstehung der Arten und von Charles Darwin und seinem Werk reden. Die Richtigstellung der fünf wichtigsten "evolutionären" Missverständnisse, z.B. zur Anpassung, zur Perfektion und zum Fortschritt, finden sich hier online.

Früher Frühling

Friday, July 13. 2007

Mit diesem Eintrag bin ich nun in der Tat nicht gerade früh, liegt die Online-Meldung in der Süddeutschen Zeitung, über deren Inhalt ich hier in aller Knappheit berichten will, doch schon fast einen Monat zurück. Doch da der Artikel meines (mir persönlich leider noch unbekannten) Kollegen Toke Høye vom Center for Macroecology hier in Kopenhagen einerseits erst kürzlich in der Zeitschrift Current Biology veröffentlicht wurde und die Ergebnisse andererseits deutlich und gleichsam dramatisch sind, ist es sicher nicht zu spät, alle Klima- und Arktis-Interessierten auf die Forschungsergebnisse hinzuweisen.


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Wegweisende Wissenschaft

Friday, July 6. 2007

Dieser Blogeintrag hat in mehrerer Hinsicht wegweisenden Charakter: Er zeigt großartige Forschung im Verbund mit einem Beispiel für den freien Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen.

Auf dem Bild zu sehen ist ein Goliathreiher (Ardea goliath), den ich auf unserer Exkursion 2005 in Namibia for die Linse bekam.


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Eine Lanze für die Taxonomie

Thursday, May 31. 2007

Ich muss brechen. Und zwar die im Titel angedeutete Lanze für Taxonomie und Biodiversitätsforschung [1]. Allenthalben werben momentan große überregionale Zeitungen in ansehnlichen Artikeln für die Wissenschaft von der Beschreibung und Systematisierung der Lebewesen. Anlass hierfür ist der sich heuer zum 300. Male jährende Geburtstag des schwedischen Botanikers Carolus Linnaeus (später Carl von Linné), dessen "Systema Naturae" in weiten Teilen bis heute Bestand hat. Ich stimme gerne mit ein in den Chor, der die Wichtigkeit dieser Forschung mit Nachdruck betont. Es ist in der Tat ein Skandal schizophrener Parallelität: Während jeden Tag mehr Arten für immer von der Erde verschwinden, scheint die Wissenschaft, die jene Arten und ihre Eigenschaften erforscht, zum selben Schicksal verdammt zu sein.



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Altbackene Wissenschaft

Thursday, April 19. 2007


...war heute mal angesagt, und zwar in Reinform. Der Coleopterologe (zu deutsch: Käferkundler) Roman Holynski aus Polen gab heute einen Vortrag zum Thema "Biogeographie der Prachtkäfer Südostasiens". Nun hätte das ein spannendes Thema werden können - Prachtkäfer (auf wissenschaftshochdeutsch Buprestidae) sind zum einen schließlich hübsch anzusehen, zum anderen ist für interessierte Menschen die Biogeographie der Inseln jener Region, die zumeist anhand von Säugetieren und v.a. Vögeln betrieben wird, kein unbeschriebenes Blatt (Stichwort: Wallace-Linie), und ein ergänzender Beitrag aus dem Reiche der Insekten ist hierzu hochwillkommen...



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